Licht- und Schattennahrung

Nachdem ich allein wegen des Trailers den Film schon verrissen hatte, war ich zunächst positiv überrascht. Ich hätte auch kein Problem gehabt, Fehler einzugestehen, und so sah ich mit Spannung einen Film, dessen Fazit gar nicht die Lichtnahrung ist, sondern vollwertige, gesunde Ernährung.

Die Dokumentation hält also etwas anderes, als sie verspricht. Das Kernthema ist positiv überbewertet. Alle Protagonisten sind durchweg dafür bekannt bzw. geben vor der Kamera zu, gelegentlich ein wenig zu essen.

Jasmuheen, die Erfinderin des „Breatharianismus“, nimmt keine zentrale Stellung mehr ein. Sie sagt, es gehe ihr darum, mit diesem Phänomen, das sie einmal als Behauptung in die Welt gestellt hat, die Menschen zur Spiritualität hinzuführen. Sie betont dabei, dass das Ganze eben eine Behauptung sei. Interessant, dass sie nicht von Licht redet, sondern von Prana (welches wir auch unter Begriffen wie Chi, Vril, Od etc. Kennen). Na gut, warum nicht. Ich sehe das erste Beispiel, nämlich Niklaus von Flüe, und begreife, was Gnade oder Wunder sein kann.

Trotz allem will der Film Beweise für Nahrungslosigkeit vorbringen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen beschränken sich durchweg auf zehn Tage. Dann wiederum leistet sich die Doku den Auftritt von Rüdiger Dahlke, der sich distanziert und ohne Sympathie zu der Sache als Fastenarzt äußert. Die drei Wochen, mit denen das Ganze beginnt, hält Dahlke bereits für sehr gefährlich.

Kronzeuge ist ein Pharmareferent, der seit 2001 nichts zu essen vorgibt. Beim Interview hält er ein Glas in der Hand, das mit einem gelben, dickflüssigen Saft gefüllt ist. Daraus trinke er auch gelegentlich.

Die Argumentation der verschiedenen Nahrungslosen ist sehr unterschiedlich: mal werde auf Wasser verzichtet, gelegentlich mal welches getrunken. Eine chinesische Taoistin isst „ein wenig“ Obst, ebenso mehrere andere, jedoch „nicht aus Hunger, sondern aus Appetit“. Um zu sehen, wie denn gleich Schokolade schmeckt, erdreistet sich der Chemiker Michael Werner sogar zu sagen. Wir wissen jedoch, dass 2 l  Traubensaft, 100 g Schokolade und 100 g Nüsse 2000 Kalorien ergeben, die medizinisch gesunde Tagesration eines durchschnittlichen Menschen. Wir wissen auch, dass langjährige Magersucht bei nur 1000 Kalorien pro Tag gut überstanden wird.

Was mehrfach zur Sprache kommt, ist das tolle Gefühl am vierten Tag, und eine Wende ab dem vierten oder fünften Tag. Nun, zehntägiges Fasten habe ich selber praktiziert. Da ist dasselbe Phänomen zu beobachten, denn der Körper hat sich auf den neuen Zustand eingestellt. Es ist nach einer ordentlichen Darmspülung auch weit weniger dramatisch als Jasmuheens Rezept, das den Probanden einfach der Selbstvergiftung ausliefert. Bei regulärem Fasten sind bis zu 28 Tage möglich. Gleichwie, Jasmuheens Programm geht nur 21 Tage. Alles darüber hinaus ist freiwillig. Wir sehen Menschen, die das schon mehrfach taten. Niemand von diesen Kursteilnehmern ist dem freiwilligen Teil der Veranstaltung länger gefolgt.

Selbst der euphorische Hinweis, dass es das seit Jahrtausenden gäbe, ist eine grobe Vermutung. Hier bekommen die Taoisten ihren Auftritt, denen „mensch“ jedoch wieder nur glauben kann. Beweise fehlen und die oben erwähnte junge Chinesin nimmt schließlich völlig die Luft raus, indem sie das Obstessen erwähnt.

Nehmen wir Jesus als Gegenbeispiel, der im Film mit keinem Wort erwähnt wird. Selbst wenn er sich in die Wüste zurück zog, ernährte er sich. Aber von Lichtnahrung ist bei diesem Guru, der wie kaum ein anderer das Licht predigte, überhaupt keine Rede. Mir selbst sind keine Überlieferungen über jahrtausendealte Lichtnahrung bekannt. Wieso schweigen sich die Neoplatoniker, die Mystiker, die frühen Theosophen, die frühen Rosenkreuzer (die in ihrer Lebenspraxis oft Alchemisten waren) über Nahrungslosigkeit vollkommen aus, nehmen das nicht mal als Option an? Der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland, der auch ethnologisch forschte und in seiner Entwicklung der Makrobiotik viele alte Völker beschreibt (er wurde in Deutschland vollkommen vergessen; die Japaner retteten sein Werk und so wurde er über den Umweg bei uns wieder bekannt), redet davon nicht. Hahnemann wäre ein weiterer Kandidat, von dem Aussagen zu erwarten gewesen wären. Fehlanzeige.

Das einzige jahrtausendealte Zeugnis hoher Weisheit, das ich kenne und das völlig unwidersprochen seinen Platz in der Kulturgeschichte eingenommen hat, belegt etwas ganz anderes, nämlich die Gleichwertigkeit von Materie und Geist, deren immerdauernde Harmonie und Gleichgewicht. Ich rede vom Yin-Yang-Symbol und dessen schriftlicher erster „Interpretation“ durch das Tao-Te-King. Es gibt noch andere alte Zeugnisse, wie die Smaragdtafeln des Hermes Trismegistos oder das Kybalion. Immer geht es um die Auseinandersetzung mit der dualen Wirklichkeit.

Jahrtausende – da darf Indien nicht fehlen. Der kleine Guru Prahlad Jani sei seit 70 Jahren nahrungslos, seit einer Vision als kleiner Junge. Der Dschungelmann lässt sich jedoch ebenfalls nur auf einen zehntägigen Test ein. Hier sieht alles imposant aus: Selbst der scheinbar entstehende Urin wird von Niere und Blase rückresorbiert. Der gute Eindruck hält am längsten, nämlich bis ich über Wikipedia zur Website des behandelnden Arztes kam, der die im Film so sensationell dargestellten Ergebnisse und Originaluntersuchungsdokumente auf seiner privaten Website veröffentlicht. Da hat der Gute Vergiftungswerte und leidet an Dehydrierung.

Michael Werner konnte uns mit der Klimaanlage des deutschen Krankenhauses trösten. Die bringt glaubhaft viel Hydrat durcheinander. Doch dass er nach all den Jahren ohne Essen und gleichem Idealgewicht nun ausgerechnet im Krankenhaus in 10 Tagen gleich 2,6 kg abnimmt, wird als Lappalie hingestellt. Es ist die Menge, die jeder sich normal Ernährende auch abnehmen würde.

Wahre Spiritualität sollte ohne körperlichen Beweis auskommen, besonders wenn er uns aufgenötigt wird. Auf was wollen die Lichtesser also hinaus? Was will der Regisseur uns eigentlich sagen? Der Film hält keine klare Linie ein, ist ein konzeptloses, zusammengewürfeltes Konglomerat an Halbwahrheiten.

Harte Tatsachen, wie sie sich dankenswerterweise heraus kritallisieren, sind folgende: Ernährung ist ein energetischer Vorgang. Tote Speise hält uns nur verkürzt am Leben, energiereiche verlängert es. Die wird auch von einer Person übertragen, die mit Liebe und gerne kocht, dazu braucht es keine meditierenden Mönche.

Einer der besten Sätze des Filmes kam von einem „Prozessteilnehmer“ nach den 21 „Hungertagen“: Er meinte, sein wesentlicher Lernprozess sei der, dass er eine völlig andere Einstellung zur Ernährung bekam. Er nennt dies „konzeptfreies Essen“.

Am Ende kam die Erleuchtung.

Titel: Am Anfang war das Licht
Originaltitel:
Jahr: 2010
Land: Österreich
Regie: Peter-Arthur Straubinger
Genre: Dokumentation
Im Netz: www.licht-derfilm.de
Vertrieb: Alive

→ Diesen Film auf DVD erwerben


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