Zelluloidverschwörungen: die suggerierte Realität

In Zeiten globalisierter Angst und Verunsicherung, nicht zuletzt noch angeheizt durch die Ereignisse vom 11. September und der umstrittenen Hintergründe, muss man natürlich im Kino Filme mit konspirativem Plot nicht missen. Der jüngste Kassenerfolg – "The Da Vinci Code"

(USA 2006, Ron Howard), frei nach Dan Browns Illuminatenbestseller „Sakrileg“ – trifft da scheinbar voll ins Schwarze: Geheimgesellschaften und ihr Einfluss auf den Verlauf der Geschichte ist für viele ein zeitnahes Thema. Auch das eher auf Action angelegte „Vermächtnis der Tempelritter“ (USA 2004, Jon Turteltaub), ebenfalls auf die Mysterien rund um Freimaurer & Co.  ausgerichtet, spielte beachtliche 173 Mio. US-Dollar ein (bei einem Budget von 100 Mio. US-Dollar).

Bis vor wenigen Jahren drehten sich die Verschwörungsmühlen noch hauptsächlich um Regierungs- und Behördenkreise, als Hauptbösewicht musste die CIA herhalten (sicher kein purer Zufall). Klassiker dieser Ära sind z. B. Sydney Pollacks Verfolgungsverwirrspiel „Die drei Tage des Condor“ (USA 1975), „Staatsfeind Nr. 1“ (USA 1998, Tony Scott), wo ein unbescholtener Bürger versehentlich ins Visier der Überwachung gerät, oder auch „Die Bourne Identität“ (USA 2002, Doug Liman), mit der nach ihrem Kalifornienabstecher rückemigrierten Franka Potente in einer Hauptrolle, die einem an Amnesie leidenden Ex-Agenten (Matt Damon) auf die Sprünge hilft.

Es gibt wohl kaum eine Verschwörungstheorie, die nicht schon irgendwie filmisch in Szene gesetzt wurde, sei es die Mondlandung („Unternehmen Capricorn“ (USA 1977, Peter Hyams), der Roswell-Ufo-Absturz („Roswell“ (USA 1994, Jeremy Paul Kagan) und natürlich der Kennedy-Mord („JFK“, USA 1991, Oliver Stone). IMDB.com, die größte internationale Onlinefilmdatenbank, listet weltweit insgesamt 2504 (!) Titel über Verschwörungen auf, darunter interessanterweise allein 406 Filme Außerirdische betreffend. Sogleich fallen einem die im Schlaf die menschliche Seele übernehmenden Körperfresser („Body Snatchers“) ein, die gleich dreimal verfilmt wurden (1956, 1978 und 1993) oder auch „Sie leben!“ (USA 1988, John Carpenter) mit dem Bauarbeiter, der durch Zufall mittels spezieller Sonnenbrille die Ausbeutungsabsichten der Nichterdlinge durchschaut.

Dennoch: Spätestens nach der Mystery-Serie „Akte X“ sind die Aliens zu einer Randerscheinung geworden, im Film wie auch in der grenzwissenschaftlichen Literatur. Dafür macht ein anderes Genre heimlich Karriere – der sogenannte Paranoia-Film, der „Ohnmachtsgefühle des Individuums in der modernen Welt sowie soziale und politische Krisen und Bedrohungsszenarien in Form umfassender Verschwörungen, manichäischer Gut-Böse-Konfrontationen und gefährlicher Objektwelten dramatisiert“ (www.film.unizh.ch). Zu nennen wäre hier als einer der frühen Schlüsselfilme „Botschafter der Angst“ (USA 1962, John Frankenheimer), 2004 neu verfilmt als „Der Manchurian Kandidat“ (USA, Jonathan Demme), dann „23 - Nicht ist so wie es scheint“ (D 1998, Hans-Christian Schmid), eine Tragödie um die  „Weltverschwörungsformel“, „Fletchers Visionen“ (USA 1997, Richard Donner) und sein Verfolgungswahn, die Spiel-im-Spiel-im-Spiel-Simulation „EXistenZ“ (USA 1999, David Cronenberg), die weniger bekannten, jedoch gelungenen „The Big Empty“ (USA 2003, Steve Anderson) und „Cypher“ (USA 1997, Scott Kalvert) oder auch das mehrfach prämierte „A Beautiful Mind“ (USA 2001, Ron Howard). Sie alle sind eindrückliche Beispiele dafür, wie schmal der Grat zwischen Wirklichkeit und Einbildung ist – und wie schnell man in den Wahnsinn abkippen kann.

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 26 (1-2007).


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