Softporno oder Rhythmus der Lebensquelle?

Ich sah einen zärtlichen Film. Filmerische Anthropologie, wie sie vielleicht erst jetzt möglich ist (die Idee zu diesem Film hatte Regisseur Terrence Malick schon in den 1970igern). Doch wie unterschiedlich ein und derselbe Film doch wahrgenommen werden kann: Einen „kolonialistischen Softporno“ hat Klaus Theweleit1 gesehen. Das ist ein Buh-Ruf, wie er sich in der Berlinale-Vorführung von „Die neue Welt“ bei gut fünfzig Prozent des Kinopublikums wiederentdecken ließ. Was mich betrifft – ich sah nirgendwo Haut zu Markte getragen. Im Gegenteil: Zeit dehnte sich aus! Malick erreicht meines Erachtens unerwartete Höhen, was das Einfühlungsvermögen in die Indianerseele angeht.

Die neue Welt ist aus der Perspektive der Eingeborenen gefilmt: Jemand steht im hohen Gras herum. Einfach so. Der Wind, die Wellen. Zaghaft geschehen Kleinigkeiten. Das Besondere ist zunächst einmal das Nebensächliche. Der Film lässt einen sich selbst dabei ertappen, wie man nach Unterhaltung Ausschau hält. Ein Porno?

Es ist eben nicht die Flucht in die verdichtete Oberfläche aktionsgeladener Bilder, die hier angetreten wird. Mit jeder neuen Einstellung entfernt der Zuschauer sich vom Fast-Food-Kino. Hier sucht ein anderer Rhythmus sein Publikum: der der Lebensquelle selbst, jene Kraft, von der wir annehmen dürfen, dass der Mensch vor Urzeiten damit noch in gefühltem Kontakt stand.

Malick ist Philosoph. Er scheint zu ahnen, wo Zeit herkommt, wo diese Quelle zu finden ist und auch, wie man sie filmerisch Gestalt werden lässt. Er setzt die Filmschnitte so, dass sich etwas öffnet. Er schafft Platz im Zuschauer. Die Hülle verfestigt sich nicht, wie es sich beim Betrachten von pornografischen Material einstellt, sondern sie wird transparent.

Der zweite Kritikpunkt in Theweleits Rezension lautet "Geschichtsfälschung". Sein Kernargument: Sein Selbst Protagonist John Smith habe nie behauptet, eine Affäre mit Pocahontas gehabt zu haben. Ja, so gesehen ist der Film eine Lüge. Und die 14-jährige Hauptdarstellerin Q’Orianka Kilcher ist tatsächlich zu schön um wahr zu sein. Wahrscheinlich hatte die echte Pocahontas eine Warze oder eine andere Abweichung von unserem indianisch-romantischen Schönheitsideal.

Überhaupt: Wäre ein Dokumentarfilm nicht viel angebrachter gewesen, um die reinen Geschichtsfakten korrekt wiederzugeben? Vielleicht aber ist das Publikum ja gar nicht so dumm, wie der Kulturpessimist Theweleit glaubt; vielleicht wissen die meisten, dass sie im Kino sitzen. Es gibt keinen Film, der die Wirklichkeit abbildet. Es geht doch viel eher darum, wie nahe ein Regisseur mit dem zum Lügen verurteilten Medium „Film“ der Wahrheit kommt.

In seiner Rezession schreckt Theweleit auch nicht davor zurück, die Ausbombung der Talibans als aktuelles Beispiel dem historischen Massaker an den amerikanischen Indianern an die Seite zu stellen. Stimmt natürlich genauso wie vorweg das Argument über die Geschichtsklitterung mittels Lovestory. Ja, Europa war in seiner Phase des „Entdeckens“ und „Eroberns“ ähnlich grausam, wie es der amerikanische Imperialismus heute noch ist. Betrachtet man diesen 500-jährigen Ausschnitt aus den Geschichtsbüchern mit einer politisch korrekten Gelehrtenmoral, muss man notgedrungen zu der Schlussfolgerung kommen: Die Kolonisationsära war über weite Strecken ein Porno.

Doch geht es Malick wirklich nicht um mehr? Wie kann man all das positiv Erzählte als Hollywoodkitsch abtun? Mit dem Brustton einer antiamerikanischen Überzeugung werden all die feinen Schattierungen weggewischt, mit denen "The New World" langsam aber sicher auf etwas Großes zusteuert. Versöhnung liegt in der Luft des Vorführraums. Es ist nicht die übliche kulturelle Selbstgeißelung, welche der Film als Fazit im Auge hat.

Malik schaut zu genau hin, um in der Oberflächlichkeit eines Moralapostels stecken zu bleiben. Zwar zeigt er alle Orte, Handlungen und Symbole dieser schönen und zugleich grausamen Stationen der Menschheitsgeschichte. Aber er verliert nie den Kontakt zu dem, worin auch dieser Ausschnitt der Globalisierungsgeschichte eingebettet ist: dem anthropologischen Ganzen. Der Beginn des 17. Jahrhunderts dient ihm lediglich als Schnittstelle für das, was man auch kulturelle Evolution zu nennen pflegt. Es ist die Freude des Verstehens, nicht die Verurteilung imperialistischer Machenschaften, die Malick zum Erzählen bewegt. Ein Indianer nimmt im Vorübergehen eine Axt vom Tisch der kampierenden Seefahrer. Beiläufig geschieht das. So nebensächlich, dass dadurch das Gesamtvolumen aller ungeklärten Besitzverhältnisse heraufbeschworen wird. Ein "Clash of Culture", wie er nur noch von Außerirdischen getoppt werden könnte, nimmt seinen Lauf.

Zuvor lebten diese Gesandten einer Hochzivilisation mit dem archaischen Naturvolk wochenlang friedlich zusammen. Malick zeigt das eingehend in sehr unpretenziösen Bildern: naive, tänzerische Momente in der Begegnung zweier Entwicklungsstadien dessen, was wir Menschen nennen. Die Indianer definieren sich über die Natur. Die europäischen Seefahrer gehen an ihrer Unkenntnis von Natur beinahe zugrunde. Ihre Existenzgrundlage besteht bereits aus Zivilisationskonstruktionen. Das simples Beil etwa ist umgeben von juristischen Implikationen. Es gibt keinen Schuldigen: Ein Engländer nimmt spontan seine Flinte und erschießt das, was er als Dieb versteht, von hinten. Der Totentanz beginnt.

Die Frage, ob Naturvölker weniger grausam sind als nationalstaatliche Kollektive, kann man nur zynisch beantworten: Sie haben gar nicht die Mittel dazu. Doch es ist ja gerade die historische Eskalation der Kriegsmittel; es sind gerade die Grenzen der Entwicklung von Nationalstaatlichkeit; ja es ist doch das neue Bewusstsein über unser plötzliches Weltdorf Erde, das Malick in seinem Film auslotet. Pocahontas schafft den Sprung in unsere „neue Welt“. Anhand Ihrer Figur wird der atlantische Graben zur anthropologischen Brücke. Und wie macht sie das? Was ist der Schlüssel für ein gelungenes Miteinander? Smiths Neugierde überquert zwar den Atlantik, doch Pocahontas Liebe ist es, die ihn dort ankommen lässt: Jenseits seiner Vorurteile entdeckt er, wie die Wilden wirklich sind.

Malick lässt den Zuschauer das Gleiche entdecken: mittels einer Geste, die den Film wie einen roten Faden durchzieht. Eine Armbewegung, die scheinbar ein transzendentes Ganzes umfassen will. Die Wilden sprechen ohne Worte mit ihrem Gott. Alle scheinen diese Sprache zu beherrschen. Und was vielleicht noch mehr erstaunt: Offensichtlich entscheidet der Moment über die Anwendung des „Gebets“; der richtige Ort ist überall. Am offenen Fenster eines mehrstöckigen Hauses aus Stein schreiben Pocahontas Hände seltsame Formen in die Luft. Ihr Ehemann beobachtet sie und versteht, dass er sie nie verstehen wird. Sie ist zwar mit ihm verheiratet, und doch gibt es Instanzen in ihr, die wirkungsmächtiger sind als das christliche Eheversprechen. Etwas in ihr ist so groß, dass sie das Unmögliche schafft: einen beispielhaften Brückenschlag, wie ihn der Rest der Welt auf seinem Weg zum Frieden noch vor sich hat.

ANMERKUNGEN:

  1. Die am 8. Februar 2006 im Berliner Tagesspiegel erschienene Filmkritik „Rot und Weiß“ von Klaus Theweleit. Update: Im aktuellen SPIEGEL-Magazin Nr. 9 liefert der Freiburger Kulturwissenschaftler und Schriftsteller mit ähnlichen Argumenten einen Verriss über "Avatar" von James Cameron.
Titel: Der New World
Originaltitel: The New World
Jahr: 2005
Land: USA
Regie: Terrence Malick
Genre: Drama, Abenteuer
Im Netz:
Vertrieb: Warner

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