Von Maschinenengeln zu Avataren und Menschen:
Inkarnation à la James Cameron

Wie kann man im Menschen das Gefühl für die Kostbarkeit unseres Heimatplanetens erneuern? Man verfrachtet ihn am besten auf einen erdähnlichen Himmelskörper. James Cameron nennt ihn Pandora. Auf diesem wandelt der Kinobesucher für die nächsten 160 Minuten dreidimensional umher. Fremd und gleichwohl vertraut, in malerische Farben getaucht, von faszinierenden Formen umhüllt, entwickelt sich ein durchaus übliches Hollywoodabenteuer. "Avatar" bietet nichts, was man nicht schon aus anderen irdischen Filmen kennt. Und doch steckt der Streifen voller Superlative. Fast wie ein Rezept, dessen Einzelteile bekannt sind, dessen Mixtur aber erst jetzt im teuersten Film aller Zeiten seine Wirkung entfalten kann.

Ganz am Ende findet man einen atemraubenden Augenaufschlag, ein zweites Erwachen, in einem neuen Körper. Es ist dasjenige Bild, das man aus dem Film mitnimmt: Dass Mut, Freiheit und Abenteuer im Grunde durch nichts behindert wird, nicht einmal durch echte körperliche Versehrtheit. Die Botschaft von "Avatar" lautet: Alle Probleme sind Kommunikationsprobleme, und jegliche Trennung hat ihre Ursache in fixierten Ideen.

Auf Pandora lernt der Kinogänger gleich zwei (Zugangs-)Wege kennen, die psycho-physischen Grenzen zu überwinden: ein wissenschaftlich-technisches sowie ein natur-mystisches Verfahren. Ersteres ist vorübergehender Natur; der Proband ist gezwungen, wieder und wieder in den eigenen Körper zurückzukehren. Die einheimische Transfusion hingegen ist eine Unwiderrufliche.

Entgegen dem Vorbild aus der hinduistischen Avatar-Mythologie, erscheinen den pandorischen Ureinwohnern die vom Himmel kommenden Besucher als verantwortungslose Dummköpfe. Sie selber sind zu stolz und autonom, um sich von den Taschenspielertricks der Menschen beeindrucken zu lassen. Für sie zählt ökologische "Correctness": Was nützt alle Macht der Welt, wenn dadurch die Lebensgrundlage zerstört wird?

In "Avatar" werden wir permament mit einer Gratwanderung zwischen Natur und Technik konfrontiert, und das gleich auf mehreren Ebenen: Die von Texas Instruments entwickelte DLP-Projektionstechnologie verschafft dem Cineasten ein völlig wackelfreies Leinwandbild. Es entsteht zudem optisch der angenehme Eindruck einer dritten Dimension, welche wiederum Pandora erst erlebbar macht. Denn dort ist alles etwas überdimensioniert. Kontraste existieren ohne zivilisatorischen Maulkorb. Erscheinungen sind nicht getrennt vom Wahrnehmenden. Polaritäten wollen gelebt und erfahren werden, Spuren gelesen und die Natur verstanden werden. Natürlich Pandora steht für die gute alte Erde selbst – und Cameron ist kein Reisebüro, sondern Globalisierungskritiker. In "Avatar" geht es in Wahrheit um Sinnlichkeit. Es geht darum, "ja" zu sagen und die Augen noch einmal zu öffnen für das eigene (Er-)Leben. Der Regisseur inszeniert den Tod nicht als Ende, sondern als Übergang, als zweites Erwachen und schickt sein Publikum quasi durch die Projektionsfläche des Lichtspielhauses hindurch in die virtuelle Realität eines Planeten, der so fantastisch erscheint, wie es die Erde schon immer war.

Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig Bammel vor dem 3D-Kino. Ich stellte mir die Intensität dieser zusätzlichen Dimension als eine gewisse Übergriffigkeit auf meine Psyche vor. Doch es war anders. Die räumliche Erfahrung von Leinwandbildern liegt sehr viel näher an der Alltagswirklichkeit als die gängige Zweidimensionalität des Fernsehens. Der halbstündige "Nachhänger", wie er bei intensiven Filmen üblich ist, bleibt bei 3D aus, da sich das Vorführerlebnis nahtlos aus dem Kino mitnehmen lässt. So geht Pandora inmitten der City meines Heimatplaneten auf. Ich bin offener und empfänglicher, weil die technische Intervention auf meine Sinne mit dem Inhalt des Films resoniert. So etwas nennt man im Fachjargon "Meisterwerk". Alles ist spekulativ – und gleichzeitig völlig normal. Auch die übermäßige Präsenz spiritueller Inhalte rutscht nicht ab in Kitsch. Cameron gelingt sogar eine Versöhnung mit dem, was man heutzutage verächtlich "Religion" nennt. Im Wissen um das, was auf dem Spiel steht, gleitet man widerstandslos in fremde Körper und Kulturen, Mythen und Rituale, ja bemerkt nicht einmal, wie man die auf der Erde übliche Trennung zwischen Wissenschaft und Sektiererei hinter sich lässt.

Dabei findet dieser Zukunftsfilm so völlig in der Gegenwart statt, das er ein viel größeres Publikum erreicht als nur eine eingeschworene Fangemeinde. Die bösartige Allianz zwischen Wirtschaftsinteressen und Militär, die ein intaktes Ökosystem mitsamt einer intelligenten Spezies (den Na'Vi) bedroht, dient hier nur als Ausgangssituation.Camerons wirkliches Thema ist die Metamorphose. Schon in seinem Filmhit "Alien" waren es die diversen Mutationsstufen eines außerirdischen Monsters, welche den wahren Nervenkitzel verursachten. Doch erst mit Arnold Schwarzenegger als "Terminator" gelang es dem Regisseur, das Science-Fiction-Genre mit dem Inkarnationthema zu verschmelzen. Dort noch als programmierter Maschinenengel, der Böses anstellt, um Gutes zu bewirken, geht es in Avatar um den heilsamen Aspekt im Perspektivwechsel, den Menschen Cameron zufolge erfahren, sobald sie sich als Gäste in fremden Körpern aufhalten.

In einem martialischen Showdown trifft der Held schließlich auf den Kern des Problems: Integriert in eine "Kampfroboter-Extension" sitzt der oberste Befehlshaber und spricht die Worte des Egos: "Solange ich noch einen einzigen Atemzug mache, hast Du den Kampf nicht gewonnen." Letztlich endet dieser tödlich – für beide Kontrahenten. Im Gegensatz zum militärischen Aggressor wird für unseren Avatar – durch die letale Verwundung – der Weg frei von einer temporären Inkarnation in eine Endgültige: Im Garten Eden legt man den tödlich Verwundeten unter den Baum der Erkenntnis und des ewigen Lebens, das zentrale Heiligtum der Na'Vi. Was dann geschieht, wäre wahrscheinlich noch vor wenigen Jahren bei der Vorpremiere als esoterischer Klimbim verlacht worden: Ein rhythmisches Pulsieren durchströmt die Bruderschaft der Na'Vi, als der Baum mit seinem phosphoreszierenden Luftwurzelwerk die Seelentransplantation einleitet.

Doch die Einspielergebnisse von "Avatar" zeigen, das dieses Crescendo irgendwie angenommen wird. Cameron scheint für einen kurzen Moment gelungen, Spiritualität vom Stigma des Neuheidentums zu befreien. Wenn sich auf Pandora Zukunft und Vergangenheit die Hand reichen, dann deshalb, weil der Filmemacher für das Ganze eine postmoderne (vorsokratische) Symbolik gefunden hat. Verlierer ist die Botschaft "Macht Euch die Erde untertan", Gewinner das Verständnis von der untrennbaren Einheit alles Seienden und Erscheinenden.

Filmtitel: Avatar – Aufbruch nach Pandora
Originaltitel: Avatar
Jahr: 2009
Land: USA
Regie James Cameron
Genre: Science-Fiction, Animation
Im Netz: www.avatar-derfilm.de
Vertrieb:

→ Diesen Film auf DVD erwerben


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