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Afghanistan: Sind wir bereit zu lernen?

Von FRIEDERIKE BECK

Ein von Deutschen angeordneter Luftschlag fordert 142 Todesopfer – und reißt schließlich auch den in der Verantwortung stehenden Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung mit, der bis zuletzt eisern daran festhält, dass in Afghanistan alles – nur kein Krieg herrsche. Sein Amtsnachfolger, Freiherr zu Guttenberg, macht eine verbale Kehrtwende und schließt sich der Kritik der Öffentlichkeit an. Zeitgleich verlängert der Bundestag jedoch den Afghanistan-Einsatz um ein Jahr. Schon im Januar soll über eine Aufstockung des deutschen Truppenkontingents entschieden werden. Die USA und die NATO machen Druck. Höchste Zeit also, sich dem Thema Afghanistan stärker anzunehmen und die Frage aufzuwerfen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Deutschland plötzlich in Kampfgefechte verwickelt ist, die immer mehr Todesopfer fordern? Auf der Suche nach Antworten beleuchtet zeitgeist-Autorin Friederike Beck die tragische, von blutigen Interventionen des Auslands geprägte Geschichte Afghanistans und legt Puzzleteil für Puzzleteil zu einem Gesamtbild zusammen.

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Als Bundespräsident Horst Köhler unlängst zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr aufrief, konnte er nicht ahnen, dass genau diese schon wenige Tage später Wirklichkeit werden sollte: Am 3. September kam es zwischen deutschen ISAF-Truppen1 und afghanischen Aufständischen zu einem Gefecht, in dessen Folge vier Soldaten verletzt und die deutschen Truppen zum Rückzug gezwungen wurden; sie mussten mehrere beschädigte Fahrzeuge und zwei Treibstofftanklaster2 zurücklassen, deren Fahrer man enthauptete, als die LKWs von afghanischen Kämpfern gekapert wurden. Sie blieben aber im Flussbett des Kunduz stecken, so vermeldeten die Medien. Die Aufständischen forderten die Bevölkerung der umliegenden Dörfer dann auf, beim Herausziehen der Tanker zu helfen und sich mit Benzin zu versorgen:

Der Kommandeur von Kunduz, Oberst Georg Klein, forderte daraufhin (u. a. laut SPIEGEL vom 14.9.2009) mit unterschiedlichen Begründungen ein Luftbombardement bei den Amerikanern an. Zuerst wegen „Troops in Contact“, dann wegen eines „zeitkritischen“ Zieles und „unmittelbarer Bedrohung“. Es wird dreimal rückgefragt, ob Zivilisten oder Kinder in der Nähe seien, was verneint wird. Zwei amerikanische F-15 Bomber besorgen den anschließenden Abwurf zweier 250-Kilo-Bomben und verwandeln den Tatort in einen riesigen Feuerball; es sind über hundert Tote zu beklagen, die genaue Anzahl variiert in den Nachrichtenmedien. Selbstverständlich kam es wieder zu zivilen Opfern.

Ex-Verteidigungsminister Jung redete einer Eigendynamik des Krieges das Wort

Bundeskanzlerin und Verteidigungsminister versicherten jedoch, es seien ausschließlich, und später dann überwiegend Taliban getötet worden, so als ob jeder afghanische Aufständische, dem die ausländischen Truppen ein Dorn im Auge sind, einen Leuchtsticker am Gewand trüge, der ihn auch für Nachtsichtgeräte als „Taliban“ ausweist. Und als sei die Auslöschung eines Menschenlebens weniger beklagenswert, wenn es vorher mit einem Label des „Bösen“ versehen wurde.

Die Begründungen für das Bombardement waren merkwürdig, da ja die deutschen Truppen in der Nacht vom 3. auf den 4. September gar nicht mehr in unmittelbarem Kontakt mit den Aufständischen standen. Letzten Endes ist dies auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist: Das Bombardement offenbart eine fatale innere Logik des Einsatzes, die jetzt zunehmend deutlicher hervortritt:

Die Aufständischen werden nach acht Jahren Krieg immer zahlreicher, die Lage der Bundeswehr im Norden Afghanistans immer aussichtsloser, da sie rein zahlenmäßig unterlegen ist. Daher greift man mehr und mehr zu brutalen Luftschlägen. Denn für einen Bodenkampf hat man gar nicht die Truppen; zudem würde das die Zahl der getöteten (neuerdings jetzt wieder: „gefallenen“) deutschen Soldaten spürbar in die Höhe treiben – die Politiker, allen voran der ehemalige Verteidigungsminister Jung, hätten noch mehr ein Problem, dies alles als „robuste Stabilisierungsmaßnahme“ zu verkaufen.

Angesichts der zivilen Opfer unzähliger Luftschläge in den letzten acht Jahren gegen ganze afghanische Dörfer bis hin zu Hochzeitsgesellschaften erscheint die Kritik vor allem der amerikanischen Verbündeten an dem von den Deutschen angeforderten Luftschlag unglaubwürdig und wie die Krokodilstränen eines alten Alligators, der schon ungezählte Male der fehlenden Empathie überführt wurde.

Anstatt hier einmal grundsätzlich inne zu halten, wird die eingetretene Notsituation der deutschen Truppen, die zu erwarten gewesen, um nicht zu sagen berechnet war, genutzt, um in der Öffentlichkeit immer lautstarker nach mehr und besseren Waffen, Ausrüstung und mehr Soldaten zu rufen. Nirgends wird die gesamte „frittsche Mission“ („Jungsprech“ für friedlich) von den Verantwortlichen einmal grundsätzlich in Frage gestellt und überprüft, ob die Voraussetzungen dafür überhaupt noch stimmen oder ob sie jemals gestimmt haben.

Das hat hierzulande Tradition. In der Disziplin „Durchhalten bis zum bitteren Ende“ hatte Deutschland in der Vergangenheit ja neue Standards gesetzt. Diejenigen, die den Einsatz in Afghanistan bis in eine unbestimmte Zeit in der Zukunft ausdehnen und immer mehr Krieg dorthin tragen wollen, immer öfter gar das Stichwort Pakistan in die Diskussion werfen, geben uns seit 2001 dafür eine ganze Serie einander ablösender Gründe an. Ganz offensichtlich baut man fest auf das schlechte Gedächtnis der Öffentlichkeit.

Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang, dass diejenigen, die mehr Krieg für mehr Frieden in Afghanistan wollen, sich auch auf eine neue Generation von „Landserliteratur“ berufen, die – sicherlich berechtigt – darauf hinweist, dass die Deutschen für ihren Einsatz nicht optimal ausgerüstet seien. Die Rufe nach besserem Material treiben damit unwissentlich oder willentlich die Turbine der inneren Logik des Krieges an. Streng genommen gehört zu dieser neuen Landserliteratur auch das Buch von Heike Groos: „Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan.“

Trotz ihrer traumatischen Erfahrungen im Afghanistankrieg spricht sich die 49-Jährige gegen einen Abzug der deutschen Truppen aus. Denn: „Sonst wäre die bisherige Arbeit umsonst gewesen.“3

Auch Ex-Bundesverteidigungsminister Jung äußerte in der Sendung „Anne Will“ vom 23.8.2009 (Thema: Abenteuer Afghanistan – Deutschland im Krieg?) fast deckungsgleich: „… dann hätten alle Soldaten, die gefallen sind oder verwundet worden sind, dies umsonst getan.“

Das Grundgesetz verbietet in Art. 26 ganz klar jeden Angriffskrieg

Man glaubte nicht richtig zu hören. Jung redete damit einer Eigendynamik des Krieges das Wort. Seine Argumente erinnern fatal an das, was man auch aus den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan gehört hat: „Unterstützt unsere ‚Jungs’, denn sonst wären alle Opfer umsonst gewesen.“

Der Punkt ist: 2001 konnten wir vieles noch nicht wissen. Aber vieles ist seitdem ans Tageslicht gekommen, und der Erkenntnisprozess ist noch nicht zu Ende. Trotzdem geht es mehr und mehr um blinde, nibelungenhafte Treue zu einem Alliierten, der bekanntlich 2003 den Irakkrieg mit einer Täuschung der Öffentlichkeit begann. „Weiter so, und immer mehr davon!“ geht nicht, denn der Krieg in Afghanistan könnte auch strafrechtliche Folgen für die verantwortlichen Politiker haben. Wenn sich nämlich herausstellen sollte, dass 2001 gar nicht der Bündnisfall für Deutschland im Rahmen seiner NATO-Verpflichtung eingetreten war und dass Deutschland nicht einmal im weitesten Sinne angegriffen wurde, um sich jetzt zu verteidigen, so ist dieses „Engagement“ schlicht grundgesetzwidrig.

Das Grundgesetz verbietet in Art. 26 ganz klar jeden Angriffskrieg: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“ Das internationale Völkerrecht stellt dies ebenfalls unter Strafe, ja selbst das westliche Militärbündnis verpflichtet sich in Artikel 1 des NATO-Vertrags, „sich in ihren internationalen Beziehungen jeder Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung zu enthalten, die mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht vereinbar ist.“4

„Friedliche Mission“, „robuste Stabilisierungsmaßnahme“, „vernetzte Sicherheit“ und natürlich Alibaba und seine neunzehn Räuber, nur Tatsachen und Fakten sind kaum im Angebot.

Die Jagd auf Bin-Laden, dem angeblichen Auftraggeber der Terroranschläge vom 11. September, die Jagd auf die terroristischen Taliban, auf Al Kaida, gegen Terroristen und Terroristenausbilder in Terrorcamps, der Kampf gegen den Drogenanbau, der Kampf für Frauenrechte, gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen, der Kampf gegen die Burka, der Kampf für die Durchsetzung der Demokratie und Rückendeckung für Pakistan: Kann es überhaupt edlere und schönere Kriegsgründe geben? Wer könnte sich da ehrlichen Gewissens zieren und den Krieg verweigern wollen?

Angela Merkel: „Der Afghanistan-Einsatz ist unsere Antwort auf den Terror. Er ist von dort gekommen, nicht umgekehrt.“5 (Hervorheb. durch d. Aut.) Merkel ist Bundeskanzlerin. Das hängt auch damit zusammen, dass sie immer dann, wenn ein Konflikt, ein moralisches Problem, ein Widerspruch, eine echte politische Diskussion erforderlich machte, sie diese umgehend beendet, indem sie ein schwarz-weißes Pflaster darüber klebt. Darunter trägt Merkel die bewährte „Und nicht umgekehrt“-Salbe dick auf. Das Problem wird verdeckt, die Eiterbeule schwärt jedoch weiter.

Beispiel Gazakrieg (27.12.2008 bis 18.1.2009): High-Tech-Israel gegen eine bei lebendigem Leibe eingemauerte Bevölkerung ohne Fluchtmöglichkeiten: Aber: Die Hamas hatte laut Merkel (Gott sei Dank) Israel angegriffen und nicht umgekehrt. „Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der Hamas die alleinige Schuld an der Eskalation im Nahen Osten gegeben. Bei einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert am Sonntagabend seien sich Merkel und Olmert einig darin gewesen, dass die Verantwortung für die jüngste Entwicklung ‚eindeutig und ausschließlich’ bei der Hamas liege, teilte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin mit. ‚Die Bundeskanzlerin legt Wert darauf, dass bei der Beurteilung der Situation im Nahen Osten Ursache und Wirkung nicht vertauscht werden oder Ursache und Wirkung nicht in Vergessenheit geraten’, betonte Steg.“6

Afghanistan ist ein Land, das seit dem 19. Jahrhundert fast ununterbrochen unter der Einmischung ausländischer Imperialmächte zu leiden hat

Und der außenpolitische Sprecher der CDU: „Außerdem dürfe man nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Die Blockade sei – so von Klaeden – eine Reaktion auf die Angriffe der Hamas und nicht umgekehrt.“7

„Der Afghanistan-Einsatz ist unsere Reaktion auf den Terror. Er ist von dort gekommen – und nicht umgekehrt! Afghanistan ist die Brutstätte des Terrors“, so Merkel.8

Möchte man ganze Weltregionen, ganze Länder und Staaten als Achsen des Bösen, Terroristenhochburgen, Terrorausbildungscamps und Terrorrückzugsgebiete beschreiben, so muss man die Grundregel beachten, auf der Zeitachse nicht zu weit in die Geschichte zu gehen, damit keine unnötigen Sinnzusammenhänge und Kausalitäten erkennbar werden. So können Politiker ungestört Fakten aus dem Zusammenhang reißen und Kausalitäten auf den Kopf stellen. Und nicht umgekehrt? Was, wenn vieles eben doch umgekehrt verlief?

Um dieser Frage nachzugehen, erlauben wir uns einen Streifzug durch die letzten zwei Jahrhunderte tragischer Geschichte Afghanistans. Er ist ein Versuch, in gebotener Kürze, Puzzleteilchen zusammenzusetzen und Zusammenhänge wieder herzustellen. Dabei wurde an einigen Stellen gegen den Grundsatz verstoßen, Begriffe nicht aus ihrem historischen Kontext zu reißen. Die Leser werden erkennen, warum!

Afghanistan ist ein Land, das seit dem 19. Jahrhundert fast ununterbrochen unter der Einmischung ausländischer Imperialmächte zu leiden hat: Vor allem der Briten und Russen, ob im Gewand der Ostindischen Kompanie oder der Sowjets, und jetzt der Amerikaner (und Briten) und ihrer Verbündeten bzw. Stellvertreter.

Afghanistan hat in der Geschichte noch nie ein anderes Land angegriffen, schon gar nicht Deutschland. Dagegen musste es sich – meist mit Erfolg – bereits unzählige Male gegen Einmischung von außen zur Wehr setzen. Dabei erwarben sich die Afghanen einen Ruf als zähe und todesmutige aber auch grausame Kämpfer. Das Ergebnis permanenten Eingreifens von außen und das Schüren innerer Zwietracht unter den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Stämmen ist der heutige Zustand eines heillos zerrissenen Landes, das zerfetzt am Boden liegt.

Afghanistan hat in der Geschichte noch nie ein anderes Land angegriffen, schon gar nicht Deutschland

„Wir haben 80 Jahre lang von 1839 bis 1919 gegen die britischen Invasoren gekämpft und schließlich nach deren Niederlage die Unabhängigkeit erhalten“, sagte kürzlich der Talibanführer Mullah Omar und rief der Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis, dass auch schon Alexander der Große im 4. Jahrhundert v. Chr. an paschtunischen Kriegern gescheitert sei. Die Taliban seien auf einen langen Krieg vorbereitet.9

great game cartoon 1878

Englische Karikatur aus dem Jahr 1878. Sie trägt sinnigerweise die Unterschrift: Save me from my friends. Rette mich vor meinen Freunden. Abgebildet ist links der russische Bär, rechts der britische Löwe und in der Mitte Schir Ali Khan, der damalige Emir von Afghanistan (Quelle: Wikipedia)
 

Die Liste der Angriffe auf Afghanistan der letzten 200 Jahre ist wahrlich berichtenswert, auch die Art der Niederlagen der Aggressoren. Man zählt z. B. nicht weniger als drei sogenannte Anglo-Afghanische Krieg. Das britische Empire bzw. die britische Krone suchte über seine in Indien stationierten Truppen in Afghanistan Fuß zu fassen, da es den Russen unterstellte, über Afghanistan seine Kolonie Indien bedrohen zu wollen. Ziel dieser Kriege war es, die britische Vormachtstellung in der Region gegen das Russische Reich zu sichern. Dieser Aspekt ist eine simple Wahrheit, die auch heute noch aktuell ist, wenn auch in abgewandelter Form. Der Streit um die Vorherrschaft in Zentralasien wurde bezeichnenderweise „The Great Game“, das große Spiel, genannt.

Der erste Anglo-Afghanische Krieg, der 1837 begann, muss beeindruckend und zugleich schreckenerregend gewesen sein: Die Briten wollten den afghanischen Herrscher Dost Mohammed stürzen und ihn durch eine ihnen genehmere Personalie ersetzen. So machte sich von Indien aus ein Tross von sage und schreibe 51.500 Menschen auf, darunter 16.500 britisch-indische Soldaten und fiel über den Bolan-Pass nach Afghanistan ein.

bolan pass 1837
Der Bolan-Pass 1837: Die britisch-indische Armee auf dem Weg nach Afghanistan (Quelle: Britishbattles.com)
 

Das Unternehmen hatte zunächst Erfolg und Dost Mohammed wurde abgesetzt, die Briten beließen lediglich eine Division in Kabul, sozusagen eine frühe robuste Stabilisierungsmaßnahme. Und dann passierte es Weihnachten 1841: Der britische Verwalter wurde ermordet, die verbliebene Division von „terroristischen Taliban“ in Kabul eingekreist und die Versorgungsroute nach Indien gekappt. Der britische Oberbefehlshaber Ephelstone sah sich gezwungen zu verhandeln, ihm wurde der Abzug gewährt, aber er musste eine Menge seiner Waffen in Kabul zurücklassen. Ephelstone wollte mit seinen Truppen von 17.000 Mann mit Tross die 140 km entfernte Garnison Dschalalabad erreichen. Kaum hatte der Oberbefehlshaber die Garnison verlassen, begannen „terroristische“ Aufständische die abziehenden Truppen anzugreifen. Ephelstone musste als Geisel zurückbleiben. Die Armee zog weiter in Richtung Chaiber-Pass ihrem Untergang entgegen, denn sie wurde dort vollständig aufgerieben und vernichtet, mit Mann und Maus. Es muss ein entsetzliches, blutrünstiges Gemetzel gewesen sein.

warlord

1. Anglo-Afghanischer Krieg 1842: Heranreitender Warlord attackiert die abziehende britisch-indische Armee (Quelle: Britishbattles.com)
 

Die Briten waren geschockt und sannen auf Rache. 1842 schickten sie von Indien eine Strafexpedition bestehend aus zwei Armeen und lieferten sich unterwegs heftige Gefechte gegen ca. 15.000 einheimische Rebellen. Während ihres erneuten Vormarsches nahmen sie die gleiche Route, wie die abziehenden britischen Truppen im Januar genommen hatten und mussten sich buchstäblich durch ein Meer von verwesten und verstümmelten Leichnamen ihrer Landsleute den Weg nach Kabul bahnen. Unterwegs brannten sie alles nieder, was an der ehemaligen Kampfstrecke lag, schossen auf alles, was sich bewegte und entvölkerten ganze Dörfer. Diese Armee des General Pollock trug den Spitznamen „Armee der Vergeltung“ (army of retribution). Sicherlich hätte sich die UNO und der internationale Gerichtshof mit dieser Truppe beschäftigt, hätte es ihn damals schon gegeben. Aber vermutlich hätten die damaligen Generäle gesagt, die Afghanen hätten damit angefangen und nicht umgekehrt.

„It is easy to get into Afghanistan. The problem is getting out again“ (General Wellington)

Die Briten nahmen Kabul im September 1842 wieder ein und inthronisierten dort eine Art „Präsident Karzai“, damit war der Job eigentlich erledigt, und man konnte sich wieder nach Indien zurückziehen, jedoch gab es unterwegs noch Business zu tun: Mit einem Rebellenstamm musste noch besonders abgerechnet werden, denn er war im Januar gegen die abziehenden britische Garnison besonders grausam gewesen. So bildete man eine Strafexpedition und zog nach Kohistan, wo die britischen Truppen wüteten, die Provinzhauptstadt Charikar dem Erdboden gleich machten und einen Großteil der Einwohner ermordeten. In Kabul wurde noch schnell der Hauptbasar abgebrannt, und dann wollte man sich nach getaner Tat wieder zurückziehen. Doch was dann folgte, war eine Lektion, die man eigentlich längst hätte kennen sollen, die aber die Militärs wohl verdrängt hatten:

Der große General Wellington, Gegenspieler Napoleons und zeitweiliger Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Indien, hatte über Afghanistan gesagt: „It is easy to get into Afghanistan. The problem is getting out again.“ (Es ist leicht nach Afghanistan zu gelangen, das Problem ist jedoch, wie man wieder herauskommt.)

Als die britisch-indische Armee sich wieder gen Indien wälzte, hinterließ sie eine fortwährende Spur der Zerstörung. Sie zerstörten Dschalalabad und viele andere Städte und Ortschaften. Doch die „Taliban“ sahen nicht tatenlos zu: Sie lauerten den britischen Truppen mit Sprengfallen auf, wo sie nur konnten, besonders in der Schlucht von Jugdulluk und, erneut, am Chaiber-Pass. Die internationale Truppe verlor 500 Mann, die Verluste der Rebellen, insbesondere der Zivilbevölkerung blieben im Dunkel der Geschichte.

Im Oktober 1842 waren die Briten endlich raus aus Afghanistan, und in London hatte man erst einmal die Nase voll. Der britischen Krone und den Shareholders der Ostindien-Kompanie war das Afghanistan-Abenteuer einfach zu kostspielig und gefährlich gekommen. Der alte Herrscher, Dost Mohammed, kehrte auf seinen Thron zurück, und er regierte noch viele Jahre bis an sein natürliches Ende.

Leider war es nicht das Ende der internationalen Sicherheitsmaßnahmen: 1878 gelang es den Russen, einen Gesandten in Kabul zu installieren. Das nahmen die Briten als Kriegserklärung an ihre Adresse und marschierten erneut mit einer britisch-indischen Armee in Afghanistan ein (2. Anglo-Afghanischer Krieg), nachdem man ihnen nicht gestattet hatte, auch einen Gesandten in Kabul zu haben, sondern den Emissär abgefangen und retourniert hatte. Afghanistan wurde wieder besetzt. Der Sohn des herrschenden Emirs musste im Mai 1879 einen schmählichen Vertrag unterzeichnen, der den Briten die Aufsicht über die gesamte Außenpolitik gab.

Doch Afghanistan kam nicht zur Ruhe, die „Taliban“ sannen auf Rache. Schon im September wurde der britische Oberaufseher in Kabul von fundamentalistischen Rebellen gemeuchelt, eine britisch-indische Sicherheitstruppe eilte erneut herbei und besetzte Kabul, wurde jedoch bald in der Stadt ihrerseits belagert, vom Westen, von Herat her, näherte sich ein Sohn des ehemaligen afghanischen Herrschers, der sich dort eingenistet und in „Terrorcamps“ Truppen konzentriert hatte, forderte die britischen Truppen bei Maiwand zur Schlacht, und besiegte sie in einem blutigen Morden. Zwei Regimenter wurden völlig aufgerieben. Die Schlacht wogte über Stunden in sengender Hitze, die Soldaten hatten kein Wasser mehr. Besonders in Erinnerung blieben elf Soldaten, die sich erst mit dem Gewehr gegen heranreitende Aufständische verteidigten und schließlich, als ihnen die Munition ausgegangen war, mit dem Bajonett wehrten, bis auch der Letzte tot war. Nur ein Hund, Bonnie, überlebte und erhielt später von Queen Victoria einen afghanischen Tapferkeitsorden.

queen victoria und hund bonnie
Die einzige Überlebende des Kessels von Maiwand: Hund Bonnie erhält von Queen Victoria eine Afghanistan-Tapferkeitsmedaille (Quelle: Britishbattles.com)
 

Die Briten hatten ca. 950 Männer verloren, die Afghanen jedoch ein Vielfaches davon, man schätzte ca. 3000 Tote.

Der englische Schriftsteller Rudyard Kipling („Das Dschungelbuch“) war in Maiwand dabei und schrieb ein mehrstrophiges Gedicht, dessen letzte Strophe lautet:

 

Und es gibt keinen Chor, der noch singen
Und keine Kapelle, die noch spielen könnte,
Aber ich wünschte, ich wäre gestorben,
Bevor ich tat, was ich getan habe
Oder sah, was ich gesehen habe an jenem Tag.

die letzten elf

„Die letzten Elf“ verteidigen sich auf verlorenem Posten in der Schlacht bei Maiwand; vorne Hund Bonnie. Sie verbellt die Aufständischen mutig (Quelle: Britishbattles.com)
 

Was Herr Kipling wohl gehabt haben mag? Wir wissen heute etwas mehr: Es war mit ziemlicher Sicherheit PTBS, eine „Posttraumatische Belastungsstörung“, die, ganz aktuell, in immer größerem Ausmaß auch unter deutschen Afghanistan-Soldaten beobachtet werden kann …

Am 8. August 1919 mussten die Briten in einem Friedensvertrag mit den Aufständischen Afghanistan als souveränen und unabhängigen Staat anerkennen

Die überlebenden britischen Soldaten konnten sich damals nach Kandahar retten, doch der afghanische Warlord Ayub Khan, folgte ihnen und belagerte Kandahar, sodass General Roberts heraneilen musste, um den Belagerungsring zu sprengen, die Truppen erneut zu befreien und die „Taliban“ zu vertreiben.

Die neue britische Regierung hatte jedoch 1881 fürs erste erneut die Nase voll vom blutigen afghanischen Kriegsschauplatz, beschloss vorerst keine Verlängerung des Mandates und befahl 1881 die Sicherheitstruppen abzuziehen.

1919 kam es trotz allem zum 3. Anglo-Afghanischen Krieg: Die „Taliban“ konnten die Mehrheit der Stammeskrieger hinter sich bringen und, mit vereinten Kräften, gegen die Briten vorgehen. Diesen „Terroranschlag“ vergolten die Briten mit dem Bombardement des Palastes des afghanischen Herrschers. Bei diesem Luftschlag kamen viele unschuldige Zivilisten, u. a. viele Palastbedienstete zu Tode, der britische Oberbefehlshaber verwies jedoch darauf, dass mit der damals zur Verfügung stehenden Militärtechnik ein präziseres Ergebnis nicht zu erzielen gewesen war, zumal man es auf den Herrscher selbst abgesehen hatte und man nicht wusste, in welchem Raum sich Amanullah Khan aufhielt (Die „Wärmebildkameras“ der damaligen Bomber gaben zudem nur grau-weiße Schattierungen wieder, man steckte noch ganz in den Kinderschuhen der Fotografie.)

Und dennoch: Am 8. August 1919 mussten die Briten in einem Friedensvertrag mit den Aufständischen Afghanistan als souveränen und unabhängigen Staat anerkennen.

Leider ist damit jedoch nicht die an destruktiven ausländischen Interventionen so reiche Geschichte Afghanistans beendet. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. 1978 war die kommunistische Volkspartei in Afghanistan an die Regierung gekommen, die mit der Sowjetunion sympathisierte und mit Bodenreformen die Großgrundbesitzer und mit Bildungsprogrammen die Traditionalisten aufschreckte. Damals wurden Steinigungen bekämpft und Mädchen konnten zur Schule gehen. Vielen Afghanen waren diese Neuerungen jedoch ein Dorn im Auge.

Das sahen die USA, allen voran der Geheimdienst CIA, als ihre Chance, das Land systematisch zu destabilisieren und den russischen Bären damit in seine empfindlichen Fußsohlen zu stechen. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Bürgerkrieg auf den Weg gebracht, der damalige afghanische Präsident Taraki sah sich immer mehr eingekreist und bat die UdSSR mehrfach um Militärhilfe, diese lehnte ab: zu riskant. Im September 1979 wurde Taraki ermordet. Die Eskalation begann.

Die ersten sowjetischen Truppen landeten zu Weihnachten 1979 in Kabul. Was mit einigen Tausend russischen Soldaten angefangen hatte, endete 1988 mit fast 120.000 Soldaten, ohne das man dem Sieg auch nur einen Schritt näher gerückt wäre, denn was in Afghanistan stattfand, war mittlerweile zu einem furchtbaren Stellvertreterkrieg eskaliert. Es wurden mit tatkräftiger finanzieller und logistischer Hilfe der USA und Saudi-Arabiens über die CIA und deren Ableger, den pakistanischen Geheimdienst (ISI), unzählige Rebellen-Gruppen gegründet und mit den neuesten Waffen ausgestattet.

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Stellvertreterkrieg am Hindukusch: Obiges Schema zeigt, wie der Afghanistankrieg in den 1980ern „organisiert“ war (Quelle: Wikipedia)
 

Die Kommandozentrale der islamistischen Aufständischen lag in Pakistan. Über 80.000 Mudschaheddin erhielten dort eine militärische Ausbildung. Dieses gegen die Sowjetunion gerichtet Gesamtmodell zur Destabilisierung Afghanistans wurde von den Autoren Mohammad Yousaf und Mark Adkin in ihrem 2001 veröffentlichten Buch über den afghanisch-sowjetischen Krieg sinnigerweise die „Bärenfalle“ genannt. Im Ergebnis wurde Afghanistan zu einem neuen Vietnam – zu Russlands Vietnam.

Afghanistan wurde in den 1980ern zu einem neuen Vietnam – zu Russlands Vietnam

Außenminister der damaligen Carter-Regierung war der aus Polen stammende Zbigniew Kazimierz Brzezinski, dessen Aversion gegen Russland ein offenes Geheimnis war, jedoch sicher nicht der einzige Grund für das massive Eingreifen der USA in Afghanistan. Vielerorts wurde dieses als Reaktion auf die sowjetische Intervention hingestellt, in einem Interview mit der französischen Wochenzeitung Le Nouvel Observateur (15.–21.1.1998) gab Brzezinski jedoch ganz freimütig zu, dass es genau umgekehrt war.10

Die Unterstützung der islamistischen Aufständischen, der Mudschaheddin, setzte schon im Juli 1979 ein mit der ersten Direktive Präsident Carters, die Fundamentalisten zu unterstützen, als noch kein sowjetischer Soldat afghanisches Territorium betreten hatte.

Originalton Brzezinski gegenüber Nouvel Observateur: „Diese verdeckte Operation war eine hervorragende Idee. Sie bewirkte, dass die Russen in die afghanische Falle tappten. (...) Am Tag, an dem die Russen offiziell die Grenze überschritten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Möglichkeit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu liefern. Und tatsächlich sah sich Moskau während der folgenden zehn Jahre gezwungen, einen Krieg zu führen, den sich die Regierung nicht leisten konnte, was wiederum die Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des sowjetischen Herrschaftsgebiets zur Folge hatte.“

Nouvel Observateur: „Und sie bereuen es also auch nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt und somit Waffen und Know-how an zukünftige Terroristen weitergegeben zu haben?“

Brzezinski: „Was ist wohl bedeutender im Lauf der Weltgeschichte? Die Taliban oder der Zerfall des sowjetischen Reiches? Ein paar verwirrte Moslems oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“11

Die Bilanz dieses systematisch vom Zaun gebrochenen Krieges: 15.000 tote Soldaten auf sowjetische Seite sowie Zehntausende von Traumatisierten und Verwundeten. Auf afghanischer Seite gab es wie immer ein Vielfaches an Opfern zu beklagen. Zwischen ein und anderthalb Millionen Tote sowie fünf Millionen Flüchtlinge. Für Brzezinski war es das wert gewesen.

Was ist der Lohn der bösen Tat? Dass manche Dinge an ihren Ausgangspunkt zurückkehren – womit wir bei der heutigen Situation in Afghanistan wären. Die islamischen Fundamentalisten, welche die USA in den 1970er- und 80er-Jahren gegen die Sowjetunion hatten ausbilden lassen, wurden von Mudschaheddin in Taliban umgetauft. Die Freunde und Bundesgenossen von einst mutierten zu Erzfeinden, denn sie hatten ja ihre „Schuldigkeit“ getan.

Der Wiederaufbau Afghanistans und das systematische Unterstützen seiner wirtschaftliche Entwicklung wäre nach allem, was das humanitäre Völkerrecht an Geist und Buchstaben bereithält, eine moralische Bringschuld der Vereinigten Staaten und Russlands gewesen

Der Wiederaufbau Afghanistans und das systematische Unterstützen seiner wirtschaftliche Entwicklung wäre nach allem, was das humanitäre Völkerrecht an Geist und Buchstaben bereithält, eine moralische Bringschuld der Vereinigten Staaten und Russlands gewesen. Diese beiden Staaten hätten sich schon vor langer Zeit an einen Tisch setzen müssen, um zu überlegen, welche Geldsummen in einen Wiederaufbaufond als Versuch einer Wiedergutmachung einzuzahlen wären, um wenigstens ansatzweise zu versuchen, die jahrelangen, systematischen Zerstörungen zu heilen.

Doch statt das Land wirtschaftlich voranzubringen, was sich schon anderen Ortes als das beste Mittel zur Eindämmung von religiösem Fanatismus erwiesen hat, dem man so systematisch den Nährboden entzieht, erleben wir etwas ganz anderes: Das Problem wird internationalisiert.

11.9.2001: Zwei amerikanische Passagiermaschinen fliegen in die Türme des World Trade Center, diese stürzen wenig später in sich zusammen und lösen sich quasi in ihrem eigenen Staub auf. Ebenfalls stürzt ein benachbartes Gebäude zusammen (WTC 7), eine weitere Passagiermaschine stürzte über einem Feld im Bundesstaat Pennsylvania ab, und das Pentagon erleidet einen Brand sowie ein großes Loch, angeblich durch ein hineinkrachendes Passagierflugzeug. Es gibt ca. 3000 Todesopfer zu beklagen. Der Saudi Osama Bin Laden bekennt sich in einem „Bekennervideo“ für „schuldig“.

Nur drei Tage später wird der erschütterten Weltöffentlichkeit eine vollständige Liste der 19 angeblichen Flugzeugentführer in das geschockte Gesicht gehalten, die Terroristen sind wie Osama Bin Laden in ihrer Mehrheit Araber, Saudis. Amerika kommt zu dem Schluss, die teuflischen Anschläge müssten aus einem Versteck in Afghanistan unter dem Mastermind Osama Bin Laden geplant worden sein. Der UNO-Sicherheitsrat tritt schon einen Tag später, am 12.9.2001, zusammen, verfasst eine Resolution (Nr. 1368) und bezeichnet die Anschläge als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“. Die Resolution nimmt auch Bezug auf eine vorangegangene (Nr. 1269) vom 19.10.1999, in der es ebenfalls um das Thema „Terrorismus“ geht.

Am 12.9.2001 trat ebenfalls der NATO-Rat zusammen und rief zum ersten Mal in seiner Geschichte den Bündnisfall aus. Ohne so kurz nach den furchtbaren Anschlägen Beweise in der Hand zu haben, wurde ein Angriff auf die USA postuliert und auf Artikel 51 der UN-Charta verwiesen, die das Recht auf Selbstverteidigung festhält. Sogleich wurden alle NATO-Mitglieder aufgefordert, diesen Anschlag wie einen Angriff auf sich selbst zu werten. Dieser Interpretation folgten die NATO-Partner, ohne dass eine erkennbare Diskussion stattgefunden hätte.

Am 28.9.2001 tritt der UNO-Sicherheitsrat erneut zusammen und verfasst eine weitere Resolution (Nr. 1373) zum Thema der Anschläge vom 11. September 2001.

Nach Ansicht der USA, der NATO und auch der deutschen Bundesregierung hat die UNO mit den Resolutionen ihres Sicherheitsrates den Krieg in Afghanistan, d. h. die Operation „Enduring Freedom“ am 7.10.2001 sowie den Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppen (ISAF) ausdrücklich abgesegnet und völkerrechtlich legitimiert. Man spricht gar von einem „Mandat“ der UNO. Auch die UN-Charta sieht man damit im Einklang. Ist das wahr? Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Das Kernanliegen der UN-Charta ist die zukünftige Verhinderung, nicht die Legitimierung von Kriegen

Gehen wir der Reihe nach vorsichtig vor: Die Charta der Vereinten Nationen vom 26.7.1945 steht unter dem Eindruck zweier furchtbarer Weltkriege. Ihr Kernanliegen ist die zukünftige Verhinderung, nicht die Legitimierung von Kriegen. So heißt es in der Präambel der Charta: „Wir, die Völker der Vereinten Nationen – fest entschlossen kommende Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat …“

Kriege zu verhindern, ist die selbst definierte Daseinsberechtigung der UNO. Dazu hat sie seit ihrer Entstehung immer wieder ihre „Instrumente“ verfeinert. Der Resolution Nr. 1368 vom 12.9.2001 wird zugeschrieben, den Militäreinsatz der US-Amerikaner und ihrer Alliierten ausdrücklich legitimiert zu haben, und zwar mit der Einleitung „in Anerkennung des naturgegebenen Rechts zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung in Übereinstimmung mit der Charta …“

Wie diese Passage gemeint ist, kann derjenige erkennen, der den folgenden, aus sechs Punkten bestehenden Text gewillt ist weiterzulesen. Neben der scharfen Verurteilung der Anschläge als Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, (der sie objektiv waren), fordert die Resolution dringend zur internationalen Zusammenarbeit auf, „um die Täter, Organisatoren und Förderer dieser Terroranschläge vor Gericht zu stellen …“ Es ist nirgends von einem Staat die Rede. Dies war zum damaligen Zeitpunkt und nach dem Stand der Dinge einfach nur korrekt. Man hatte noch viel zu wenig Informationen. Hätte man sie gehabt und wären sie eindeutig gewesen, hätte der UNO-Sicherheitsrat ohne Scheu den Staat benannt, von dem die Gefahr gegen den Weltfrieden ausgegangen war, wie er es in anderen Fällen selbstverständlich getan hat und tut. Die Resolution fordert ebenfalls auf, die Helfer und Unterstützer zur Verantwortung zu ziehen.

Es ist mehr als deutlich: Der Sicherheitsrat redet von Personen, nicht von Staaten im völkerrechtlichen Sinne. Damit steht die Resolution in Kontinuität mit einer ähnlichen (Nr. 1269 vom 19.10.1999), bei der es ebenfalls darum ging, „Personen“, die mit Terrorismus in Zusammenhang gebracht werden, durch verbesserte und verstärkte internationale Kooperation zu bekämpfen. Bei dieser Bekämpfung fordert der Sicherheitsrat jedoch ausdrücklich, dies auf Grundlage der Charta der Vereinten Nationen, der Normen des Völkerrechts, insbesondere der Achtung des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte zu tun.

Die nachfolgende Resolution 1373 vom 28.9.2001 bringt inhaltlich im Prinzip nichts neues, sondern spezifiziert nur die Maßnahmen und Instrumentarien der internationalen Gemeinschaft, um besser gegen Personen vorgehen zu können, die „an terroristischen Handlungen beteiligt sind“. Dabei fallen Stichworte wie „Informationsaustausch“, „strafrechtliche Ermittlungen“, „Grenzkontrollen“, „finanzielle Vermögenswerte“, die „unter der Kontrolle dieser Personen stehen“, „Intensivierung und Beschleunigung des Austauschs operationaler Informationen“, „bilaterale und multilaterale Regelungen und Vereinbarungen“ etc. Am Ende der Resolution fordert diese alle Staaten dazu auf, „spätestens 90 Tage nach Verabschiedung dieser Resolution (…) über die Schritte Bericht zu erstatten, die sie zur Durchführung dieser Resolution ergriffen haben“.

Als die USA am 7.10.2001 USA in Afghanistan „einmarschierten“, hätte der Weltsicherheitsrat eigentlich sofort zusammentreten oder eine Vollversammlung der UNO einberufen werden müssen

Als die USA am 7.10.2001 USA in Afghanistan „einmarschierten“ und mit massiven Bombardements die Herrschaft der fundamentalistischen Taliban wegbombten, hätte der Weltsicherheitsrat eigentlich sofort zusammentreten oder eine Vollversammlung der UNO einberufen werden müssen. Man hörte jedoch zunächst gar nichts. Die Dinge nahmen ihren rasanten Lauf und die UNO machte, um das mindeste zu sagen, eine sehr schlechte Figur. Sie schien von Lähmungserscheinungen befallen zu sein.

Nachdem man sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, konnte sie sich nur noch dazu aufraffen, am 20.12.2001 in der Resolution Nr. 1386 des Sicherheitsrats dem sechsmonatigen (!) Einsatz einer internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe unter Führung Großbritanniens „viel Glück“ zuzurufen. Deren Aufgabe sollte darin bestehen, „die afghanische Übergangsregierung beim Erhalt der Sicherheit in Kabul und den benachbarten Regionen zu unterstützen“. Zudem wurden die bereits beschlossenen Resolutionen noch einmal bekräftigt, ohne dass irgendein Widerspruch zu den eigenen Prinzipien thematisiert oder irgendeine Kritik am Vorgehen der Vereinigten Staaten geübt wurde, obwohl der vom Zaun gebrochene Krieg ein schwerer Verstoß gegen das Gewaltverbot der Charta der Vereinten Nationen war.

Wie wir heute wissen, sind aus den „sechs Monaten“, die der Weltsicherheitsrat gebilligt hatte, acht Jahre geworden und noch viele weitere Jahre können dazukommen. Die „Sicherungsmaßnahmen“ umfassen das gesamte afghanische Territorium und keineswegs nur eine Zone um die afghanische Hauptstadt Kabul, wie die Resolution Nr. 1386 vom 20.12.2001 festgelegt hatte. Nachdem sich die Vereinten Nationen als völlig zahnlos erwiesen hatten, wurde deren „Meinung“ von den USA ab 2003 (Irakinvasion) überhaupt nicht mehr berücksichtigt …

Im Terrortaumel von 2001 wurden wesentliche Grundregeln des Völkerrechts bedenkenlos außer Kraft gesetzt,

  • indem man terroristische Handlungen einzelner als Angriff eines Staates wertete, von dessen Territorium die Angriffe angeblich ausgingen.
  • Es wurden keine schlüssigen Beweise dafür verlangt.
  • Es wurde für die Zukunft eine Tür in die „Kammer des Schreckens“ geöffnet: Würden die Abläufe aus dem Jahr 2001 Schule machen, könnte ein Krieg „jeder gegen jeden“ ohne weiteres legitimiert werde, es muss nur noch einzelne Personen geben, die sich auf dem Boden irgendeines Staates „x“ irgendwie terroristisch gegen einen Staat „y“ verhalten. Dies macht Terrorismus erst richtig sexy.

Nach dieser Logik war es dann auch kein Wunder mehr, dass Verteidigungsminister Struck (SPD) im Dezember 2002 verkündete, dass Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde.

Angesichts der (fragwürdigen) Faktenlage und in Anbetracht eines eskalierenden Afghanistan-Kriegs, der immer mehr Opfer fordert, müssen gerade auch wir Deutschen uns längst überfällige Frage stellen: Nicht nur, ob der Afghanistan-Einsatz überhaupt jemals legitimiert war, sondern vor allem, ob man tatsächlich von einem fortdauernden Angriff auf die Vereinigten Staaten sprechen kann, der einen NATO-Bündnisfall seit acht Jahren zwingend macht.

Ein starkes Argument dagegen ist auch, dass gegen die Person Osama bin Laden seitens der USA zu keiner Zeit ein internationaler Haftbefehl ausgestellt wurde. Interessant in diesem Zusammenhang ebenfalls die Aussage der ermordeten ehemaligen pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto, die verlautete, Osama Bin Laden sei von Omar Sheik ermordet worden.

Wenn eine engagierte Öffentlichkeit nicht in der Lage sein sollte, diese und weitere Fragen oder Zweifel zu formulieren, ist das Ergebnis jetzt bereits sicher: Es werden mehr und mehr Zinksärge auch in Deutschland eintreffen.

Die Deutschen haben allen Grund, einmal mit Taten und nicht nur mit wohlfeilen Worten zu beweisen, dass es ihnen möglich ist, aus ihrer Geschichte zu lernen

Die Deutschen haben also allen Grund, einmal mit Taten und nicht nur mit wohlfeilen Worten zu beweisen, dass es ihnen möglich ist, aus ihrer Geschichte zu lernen. Statt in Nibelungentreue bis zum bitteren Ende an der Seite der Amerikaner in einer Pflichterfüllung zu verharren, sollten sie einmal nicht den „letzten Hubschrauber aus Saigon bzw. Kunduz“ nehmen, sondern diesmal den ersten. Doch damit wäre das Afghanistan-Engagement Deutschlands noch keineswegs beendet. Denn es wird sich auch für Deutschland immer mehr die Frage nach Reparationen für die in Afghanistan angerichteten Schäden stellen.

Zunächst wird die internationale Gemeinschaft eine Bestandsaufnahme der Kriegsschäden bewerkstelligen müssen (fact finding conference). Hier wird auch die Frage des völkerrechtswidrigen Einsatzes der Uranmunition in Afghanistan zu klären sein. Genauso wird man sich aber mit der Erforschung und Aufdeckung der Fakten beschäftigen müssen, die zu diesem völkerrechtswidrigen Krieg führten. Das wird uns alle noch viele Jahre beschäftigen. Alsdann wird die internationale Gemeinschaft in Anerkennung des völkerrechtswidrigen Tuns der involvierten Staaten ein ziviles Wideraufbauprogramm auf den Weg bringen müssen. Hierbei werden Reparationen für jedes involvierte Land „symmetrisch“ anfallen, d. h. in Relation zur Zeit, in der es in Afghanistan militärisch engagiert war und im Verhältnis zur Intensität der angerichteten Schäden in der unter seine Verantwortung stehenden Region. Vor allem muss die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA, den angerichteten Umweltschäden, insbesondere durch die Verwendung radioaktiv verseuchter Sprengkörper, Rechnung tragen und die Linderung der Folgen daraus ganz oben auf ihre Agenda setzen.

Mit den körperlichen und seelischen Schäden, die unter der afghanischen Bevölkerung angerichtet wurden, den unzähligen Witwen, Waisen, Verstümmelten, Verkrüppelten und Flüchtlingen, werden die Afghanen wie immer selbst zurecht kommen müssen.

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ANMERKUNGEN

  1. ISAF: International Security Assistance Force
  2. Bis dato verloren die NATO-Truppen bereits 25 Tanklaster an Aufständische.
  3. Quelle: http://www.stern.de/tv/sterntv/umstrittener-bundeswehreinsatz-endlich-wird-ueber-afghanistan-gesprochen-1507722.html
  4. Quelle: http://de.encarta.msn.com/sidebar_81502964/NATO-Vertrag.html
  5. Quelle: http://www.ngz-online.de/public/article/politik/deutschland/755146/Zwischen-Desaster-und-Offensive.html
  6. Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/177/452874/text/
  7. Quelle: http://www.welt.de/politik/article2975278/Gaza-Konflikt-droht-deutsche-Parteien-zu-entzweien.html
  8. Quelle: http://www.bild.de/BILD/politik/2009/09/08/afghanistan-merkel/nimmt-stellung-zur-bombennacht.html
  9. Quelle: http://www.rp-online.de/public/article/politik/ausland/759979/Taliban-Fuehrer-gibt-sich-siegessicher.html
  10. Quelle: http://archives.econ.utah.edu/archives/a-list/2003w27/msg00019.htm
  11. Quelle: Die CIA-Intervention in Afghanistan, Interview mit Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater unter US-Präsident Jimmy Carter. Le Nouvel Observateur, Paris, 15.-21. 1. 1998; Veröffentlichung in Englisch: Centre for Research on Globalisation: http://www.globalresearch.ca/articles/BRZ110A.html

LITERATUR: