Wissenschaft im Dornröschenschlaf

Von THOMAS RÖTTCHER

Unsere Welt gleicht einem Märchenwald: Sie steckt voller Geheimnisse und unerklärlicher Phänomene. Sie ist noch längst nicht enträtselt, wie uns pompöse Forschungsvorhaben wie etwa das CERN glauben machen wollen, wenn es heißt, dass nur noch letzte Bausteinchen zum Verständnis unseres Ursprungs fehlen. Dabei sind die Quantensprünge seit Jahrzehnten ausgeblieben, revolutionäres neues Wissen ist Mangelware. Woran liegt das? Die Wissenschaft befindet sich im Dornröschenschlaf, meint zeitgeist-Herausgeber Thomas Röttcher und fragt: Wo bleibt der Prinz, der sie wachküsst?

Artikelauszug: vollständiger Text in zeitgeist-Printausgabe 31

Abweichler, das weiß man, hatten es noch nie leicht. Im Mittelalter waren die Strafen noch sichtbar drastisch, heute grenzt man raffinierter aus: durch Ignorieren etwa, oder durch der Lächerlichkeit Preisgeben, auch Mobbing gehört zur modernen Inquisition. Wundert es also, dass uns die Dichter und Denker ausgehen? Dass große Entdeckungen ausbleiben, selbst seitens der Technik kaum mehr Innovationen, sondern fast ausschließlich Modifikationen oder Variationen von Altbekanntem auf den Markt geschmissen werden? Nicht nur das  Bildungswesen krankt, nein, der ganze Wissenschaftsapparat ist morbide, in sich erstarrt, gefangen in einem goldenen Käfig. Die Ursachen dafür sind vielfältiger Natur und sollen an dieser Stelle etwas näher untersucht werden:

In der populärwissenschaftlichen Fachpresse hat sich bislang niemand an einen Überblick über die offenen Fragen der Grundlagenforschung gewagt. Die renommierte Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ berichtete zwar immer wieder über Rätsel in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, allerdings nie in einer Gesamtschau

1. Übertriebene Spezialisierung, Fachidiotentum
Durch die zunehmende Konzentration auf das Analytische, die Erforschung der Teile bis ins Kleinste, ging der Blick fürs Ganze verloren. Die Folge: Im Elfenbeinturm des Hochschulbetriebs wird hochspezielles Fachwissen produziert, das von Normalsterblichen nicht mehr verstanden werden kann (Akademismus ist der Fachbegriff dafür), um anschließend nutzlos in Datenfriedhöfen zu verrotten. Dabei ist doch bekannt, dass einmal ermittelte Algorithmen auf andere Wissensgebiete übertragbar sind und dabei Synergieeffekte ausgenutzt werden können. Mehr interdisziplinäre Offenheit ist gefragt, mehr Miteinander statt argwöhnischem Gegeneinander! Doch hier werden Chancen viel zu oft vertan – gewaltiges Potenzial wird verschenkt. Dabei bietet der Austausch mit anderen, selbst völlig fachfremden Fakultäten noch ganz andere Vorteile. Denn so manche Entdeckung wurde von Experten nicht im eigenen, sondern auf einem anderen Fachgebiet gemacht. Warum? Weil man dort nicht betriebsblind ist und sich eine gesunde Unbedarftheit, wenn nicht gar „Naivität“ bewahren konnte.

2. Herrschaftswissen und affirmative Wissenschaft
Hat sich eine These einmal etabliert, verfestigt sie sich nicht selten zum Dogma mit Alleingültigkeitsanspruch. Solcherart „Wissen“ findet dann in Lehrbüchern Einzug und wird an Bildungseinrichtungen als „State of the Art“ unterrichtet (z. B. die Evolutionstheorie, wobei hier immerhin noch der hintere Wortteil daran erinnert, worum es sich tatsächlich handelt). Dadurch wird es von den meisten als gegeben hingenommen. Eine Hypothese behält jedoch nur so lange Gültigkeit, bis sie von einer besseren abgelöst wird. Nach der besseren wird aber gar nicht mehr gesucht. (...)

Was brauchen wir denn ein Higgs-Boson, zumal die Suche danach Abermilliarden Steuergelder verschlingt? Das ist zu abstrakt, davon lässt sich niemand entflammen. Was interessiert, sind die Fragen, die uns als Menschen umtreiben. Womit wir den schon als Kind in uns angelegten Erkenntnisdurst stillen und entlang derer wir uns kreativ entfalten können. Eine der spannendsten und zukunftsträchtigsten Bereiche ist sicher die Neurowissenschaft. Darin können wir in den nächsten Jahrzehnten mit einem regelrechten Erkenntnisschub rechnen, sofern, ja sofern wir heute die Weichen stellen. (...)

Erfahren Sie in Ausgabe 31 mehr über die wahren Ursachen der desolaten Situation unseres Wissenschaftsapparts. Im Beitrag finden Sie auch eine tabellarische Übersicht über die großen unbeantworteten Fragen der wissenschaftlichen Grundlagenforschung.