Der tiefe Sinn hinter den Sinnen

Vom „Subjekt“ zurück zum Menschsein

Von WALTER SIEGFRIED HAHN

Wie viele Sinne hat der Mensch? Die bekannten fünf natürlich. Oder sind es mehr? Wie etwa steht es mit dem Temperatur-, Schmerz- oder Orientierungssinn, um nur einige zu nennen? Die Anzahl ist nicht das Entscheidende, meint Walter Siegfried Hahn, der weltweit einige Einrichtungen mit aufgebaut hat, in denen Besucher experimentell ihre Sinne erkunden können. In diesen „Erfahrungsfeldern zur Entfaltung der Sinne“ sieht er in unserer reizüberfluteten Welt eine Chance, Subjektivität und Individualität durch die Mannigfaltigkeit der eigenen Wahrnehmung wiederzuentdecken.

Die von dem Künstler und Pädagogen Hugo Kükelhaus (1900–1984) entwickelten Erfahrungsfelder geben uns die Möglichkeit, uns über unsere Sinne neu zu entdecken

(Foto: Charlotte Fischer) 

 

Unsere Wahrnehmung, so die übliche Beschreibung, lässt sich durch Nervenreize erklären, die im Kopf verarbeitet werden. Pro Minute landen Hunderte solcher Reize im Gehirn an, nur die wenigsten davon bekommen wir ins Bewusstsein. Dabei wird davon ausgegangen, das Gehirn sei der Chef im Ring; das hängt mit einer Art Verabredung in der Wissenschaft etwa im 16. und 17. Jahrhundert zusammen, die den riesigen Aufschwung von Wissenschaft und Technik in den vergangenen Jahrhunderten erst möglich machte. Die Verabredung lautet in etwa: „Lasst uns eine objektive Wissenschaft praktizieren, lasst uns rein sachlich auf das Objekt schauen und das Subjekt ausschließen – denn unterschiedliche subjektive Ansichten machen die Sache nur kompliziert.“

Beim Mikroskopieren tut man von nun ab so, als ob niemand da wäre, der durchs Mikroskop schaut. Und in der Folge wird der Mensch nicht nur per definitionem, sondern mehr und mehr auch ganz praktisch ausgeschlossen. (...) Wo ist der Denkfehler? Dass das Gehirn Sinneswahrnehmungen  macht, ist eben genauso richtig wie etwa die Aussage „Die Hände von Keith Jarrett spielen Klavier“. Die Hände und sein ganzer Leib sind das Instrument des Keith Jarrett, genauso wie mein Leib einschließlich meiner Sinne und meines Gehirns meine Instrumente sind. (...) Das Subjekt per definitionem auszuschließen, führte nicht nur zu dem riesigen Aufschwung, dem materiellen Luxus, in dem wir leben. Es führt konsequent auch dazu, dem Subjekt die Lebengrundlage zu entziehen, wie wir es seit Jahrzehnten mit unseren eigenen Augen beobachten können. (...)

In konsequenter Fortsetzung der Ausschließung des Subjekts ging im Laufe des 19. Jahrhunderts das menschliche Maß verloren, und das alles für die Effektivität. Der Sinnesforscher Hugo Kükelhaus aber sah ein mögliches Heilmittel: die eigene Erfahrung. (...) In seinem ersten Erfahrungsfeld – bei der Weltausstellung 1967 in Montreal „Versuchsfeld zur Organerfahrung“ genannt – gab es 13 Stationen. Heute kreieren Künstler, Handwerker und Erfinder Hunderte davon. In einem einzelnen Erfahrungsfeld gibt es vielleicht 40, 60, 80 oder 100 Stationen, charakteristisch ist ihre Einfachheit. (...) An einem Pendel mit einer Kugel in der Größe eines Apfels kann man „Lebensgesetze“ beobachten. Auch wenn es banal klingt: Geht es nach unten, muss es auch wieder nach oben gehen und umgekehrt (für Börsianer sicher eine Neuigkeit). Oder: Alles hat seine Grenzen. Oder: Letztlich gleicht sich alles aus. (...)

Wahrnehmung ist die Basis für alles Lernen, für alles Urteilen und für alles Tun. Keine Straße in dieser Welt würde gebaut, wenn nicht jemand vorher eine Wahrnehmung hätte, diese Wahrnehmung als Mangel beurteilte, ein Projekt daraus machte und schließlich die konkreten Handlungen folgen ließe. Wahrnehmungsschulung hat ein immenses evolutionäres und aufklärerisches Potenzial, denn sie ermöglicht die Aufklärung dort, wo sie hingehört: beim einzelnen Menschen.

Näheres zu den Sinnen, gerade auch zu denjenigen, die über die herkömmlichen fünf hinausgehen, sowie eine Auswahl an Erfahrungsfeldern finden Sie in Ausgabe 31.

 

LITERATUR: