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"Soziale Kälte": berechtigte Verbalkeule oder vielmehr Killerargument?

Von WILFRIED MEYER

Soziale Kälte – der Begriff geistert immer wieder durch die Medien. Und nicht nur dort, nein, er spukt auch in vielen Köpfen herum. Der Autor wechselt im Beitrag mehrmals die Perspektive und versucht so auszuleuchten, wie perfide mit diesem „Schlagwort“ Politik betrieben wird.

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Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dass einer sich selbst liebt, wird offensichtlich vorausgesetzt in diesem Jesus-Wort, das im Übrigen an eine alte jüdische Tradition anknüpft, was gern ausgeblendet wird. Insofern ist also jeder Egoist. Er kann gar nicht anders. Ehe ich anderen helfen kann, muss ich für mich selbst gesorgt haben. Das heißt auch: Jeder muss einen ausreichenden Lebensunterhalt erarbeitet haben, für seine Gegenwart und Zukunft, für sich und seine Familie. Ist das soziale Kälte? Soll er viel geben, muss er viel erarbeitet haben, sofern er nicht zu den wenigen Glücklichen gehört, die viel geerbt haben. Alles das ist selbstverständliche Voraussetzung dafür, dass einer anderen helfen kann.

Aber wer viel geerbt hat, darf der nicht anderen viel geben? Darf er, keine Frage. Aber die Sache hat zwei Seiten: Vermutlich hat er ja kein Bargeld geerbt, sondern Vermögen, das in irgendeiner Weise angelegt war, also einen Gegenwert von Produktionsstätten etwa. Versilbert er die, vernichtet er Kapital, also Arbeitsplätze. Er hilft kurzfristig Armen, vernichtet aber ihre Arbeitsplätze. Also Vorsicht mit der Aufforderung zum Geben.

Das Problem ist nicht der Egoismus, sondern die Egoismuswahrnehmung und der Egoismusvorwurf

Man kann zur „Egoismusregel“ einen bösen Kontrast konstruieren: Ich liebe mich selbst nicht, also sorge ich auch nicht für mich und die anderen. Das hat dann die Folge, dass andere für mich sorgen müssen, sofern ich mich nicht umgehend von dieser Erde verabschiede. Also wieder unvermeidlich eine Art von Egoismus, eine gefährlichere, falls ich nicht voraussetze, dass andere für mich nichts tun und ich also verhungere oder erfriere. Soziale Kälte?

Zu diesen banalen Selbstverständlichkeiten kontrastiert der verbreitete Vorwurf des Egoismus, der aber regelmäßig anderen Personen oder Institutionen gilt. Zwar ist mancher bereit zuzugeben, dass er sich selbst in den Vorwurf einschließt. Aber dann wird die Schuld für den eigenen Egoismus regelmäßig auf Institutionen oder Zustände abgewälzt, die angeblich schuld sind und die man bekämpfen muss. Seltsamerweise ist das in unserem hochgradig sozialistischen Land (mit reichlich 30 % Umverteilung und 50 % Staatsquote!) in der Regel der Kapitalismus – oder was man dafür hält. Wer weiß schon, was er genau meint, wenn er Kapitalismus sagt? Wäre die Welt in Ordnung – so, wie mein politischer oder religiöser Glaube sie haben will – dann gäbe es keinen Egoismus. Angeblich.

Das Problem ist also nicht der Egoismus, sondern die Egoismuswahrnehmung und der Egoismusvorwurf. Welche Bedeutung haben sie, was bezwecken die Tadler damit? Wie es scheint, ist die Frage weder empirisch noch spekulativ ausreichend erforscht.

Ein Blick in die Vorgeschichte hilft vielleicht weiter. Einige steinzeitliche Gesellschaften leben ja gerade noch. Wer bei denen gute Jagdbeute gemacht hat, ist verpflichtet, allen in der Gruppe davon abzugeben. (Für Gesammeltes gilt das in der Regel nicht, es bleibt in der Familie.) Ist er geizig, wird er deutlich an die Pflicht erinnert, meist indirekt in der Weise, dass die Großzügigkeit seines Vaters oder anderer gelobt oder deren Geiz getadelt wird. Dadurch hat die – stets sehr kleine – Gesellschaft einsichtige Vorteile: Der unvermeidliche Verderb wird verhindert, und die anderen bekommen etwas ab von der Beute, deren Reste sonst verdürben – und Ungeziefer und räuberische Konkurrenten anlockten. Jedermanns Egoismus wird befriedigt, zugleich wird der Egoismus derer erschwert oder unmöglich, die im Augenblick gerade zu viel haben. Allerdings sind diese „Steinzeitmenschen“ vielleicht taktvoller als wir: Es ist nichts bekannt geworden von einem platten Egoismusvorwurf, den sie sich gegenseitig machen. Außerdem: Wenn ich heute Jagdglück habe und beim nächsten Mal Pech, kann ich erwarten, dass dann der glückliche Jäger seinerseits abgibt.

(Es gibt die vielleicht zutreffende Überlegung, die Tugend der Gerechtigkeit habe hier ihre oder eine ihrer sprachlichen Wurzeln. Das griechische Wort für Gerechtigkeit ist dikaia; darin steckt die indogermanische Wurzel -deik-, die auch im deutschen Wort zeigen steckt. Wer also jedem seinen angemessenen Teil der Beute anzeigt, ist demnach gerecht.)

Der Sozialstaatsinsasse soll in den Augen seiner Betreuer offenbar zeitlebens Säugling bleiben und abhängig bleiben von einer Bürokratie, die kurioserweise sozial genannt wird

Aus der bäuerlichen Vorgeschichte und Tradition weiß man, dass es ein vielfältiges und sehr kompliziertes Geflecht von Pflichten und Rechten gab, oft an jedem Ort ein anderes. Etwa die Pflicht, einen Bullen oder Eber zu halten oder den Nachbarn Zutritt zu der Quelle auf dem eigenen Grundstück zu gestatten. Dem standen die entsprechend vielfältigen Rechte gegenüber. Verständlich, dass die Verweigerer von Rechten getadelt oder auch gezwungen wurden. Die diesbezüglichen Bräuche waren vielfältig, aber wirksam – wenn etwa ein Sünder auf einer Karre Mist durchs Dorf gefahren wurde. Gerichte waren meist überflüssig.

Naheliegende Vermutung ist, dass die Egoismustadler heute ähnliches wollen wie die „steinzeitlichen Nörgler“: Sie wollen etwas abhaben, für sich oder ihre Partei oder ihren Verein. Genau kann man das wegen der unklaren Argumentation in der Regel nicht auseinander halten. Gerade auf diesem Gebiet ist die Rede meist schwammig, dafür wird sie mit heftigem Pathos und Tremolo vorgetragen. Meist geht es um eingebildete oder zum eigenen Nutzen erfundene Rechte. Da die Politiker der meisten Parteien die fatale Neigung haben, allen alles zu versprechen und so ihre Stimmen zu kaufen, fühlt sich fast jeder in seinen Ansprüchen bestätigt. Wer dem Spiel skeptisch gegenüber steht, wer gar darauf hinweist, dass alles von anderen bezahlt werden muss, dem wirft man Egoismus vor. Meist tut man das sogar guten Gewissens.

Wer sich untersteht zu behaupten, dass Wohlhabende für sich selbst sorgen können und sollten, ohne in die Taschen anderer zu greifen, und dass dies für alle billiger ist, dem wird regelmäßig soziale Kälte vorgeworfen. In gewisser Weise sogar zu Recht: Es ist die Kälte, die jedes Kind, jedes Säugetierjunge erfährt, dem die Muttermilch verweigert wird. Der Sozialstaatsinsasse soll in den Augen seiner Betreuer offenbar zeitlebens Säugling bleiben und abhängig bleiben von einer Bürokratie, die kurioserweise sozial genannt wird. Und bei diesem törichten Vorwurf der sozialen Kälte fühlt man sich noch besonders tugendhaft – sozial ist das unvermeidliche Wort, mit dem man jegliches Nachdenken erstickt.

Warum eigentlich soll jeder Bürger sozialer Untertan bleiben? Wer profitiert davon? Natürlich: Die vielen sozial genannten Bürokratien, in denen Parteien ihre verdienten Mitglieder versorgen. Ein alter Vorwurf, der aber immer wieder neu vorgetragen wird: eine Bürokratie, welche die Firmen ausbeutet, die nicht ausbilden. Ob diese Behörde mit tausend Bediensteten auskommt? Wer zählt die Fragebögen und die Fragen, durch die gerichtsfest ermittelt wird, wer zur Zahlung verpflichtet ist? Hundert Fragen oder mehr? Und wer bezahlt die Arbeit, die von den Firmen dafür aufgewandt werden muss? Die müssen sich das dafür ausgegebene Geld wieder holen: durch Preisaufschläge, die letzten Endes der kleine Mann bezahlen muss, wenn die Firma nicht pleite gehen soll.

Der Vorwurf der sozialen Kälte ist eine besonders raffinierte Art des Egoismus

Übrigens, sozial heißt im gegenwärtigen Sprachgebrauch: jemanden in die Lage versetzen, als Single zu leben – also im strengen Sinn als Asozialer, Eigenbrötler! Die alten Griechen nannten einen solchen Menschen „idiotes“, wovon unser Wort Idiot hergeleitet wurde. Das Wort übermittelt noch die Wertung, die dem antiken Single galt. Wann erhält das Wort sozial wieder seine eigentliche Bedeutung: gemeinsam mit anderen? Oder sollten wir den Begriff als unbrauchbare Leerformel abschreiben müssen?

Oder will der Egoismustadler mich und andere beschämen, weil ich noch nichts für seinen Lieblingsverein gespendet habe, der wiederum ihn in irgendeiner Weise – für mich unsichtbar – fördert? Es könnte ja sein, dass ich oder ein anderer sich gedrängt sieht. In den Augen des Tadlers ist das natürlich ein guter Zweck. Und eine soziale Tat. Wahrscheinlich aber etwas anderes: ein Geschenk an diejenigen, die es nicht nötig haben.

Also: Der Vorwurf der sozialen Kälte ist eine besonders raffinierte Art des Egoismus. Vielleicht die raffinierteste. Und unangreifbar dazu. Es gibt ja bisher erst wenige, die diesen Mechanismus durchschauen.


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