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Werte als orwellscher Begriff – eine Provokation

Von FRIEDERIKE BECK

Welche sind eigentlich diese ominösen Werte, die von Politikern und Medien gebetsmühlenartig bemüht werden, wenn sie von unserer Wertgemeinschaft schwärmen? Und wie qualifiziert man sich überhaupt, Teil jener Gemeinschaft zu sein oder gar zu werden? Der nachfolgende Artikel ist die Abschrift eines Vortrags, den zeitgeist-Autorin Friederike Beck am 5. August 2012 auf dem 1. DENKFIGUREN-Philosophie-Festival in Dresden hielt.

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Wir alle leben in einer Wertegemeinschaft, ob wir es wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – nicht in irgendeiner: in der transatlantischen Wertegemeinschaft. Es mag noch andere Wertegemeinschaften auf dieser Welt geben. Doch dies ist rein hypothetisch. Praktisch hat es keine Auswirkungen für uns.

Wir müssen uns die Wertegemeinschaft, in der wir leben, wie eine Werteskala vorstellen mit Werten von 10 bis 1. Wir, d. h. all diejenigen, die möglicherweise unverdient oder gar ohne es zu wissen in dieser Wertegemeinschaft leben, können sich glücklich schätzen: Gefühlte zehn Punkte!

Den Wert der transatlantischen Wertegemeinschaft können wir erkennen am Unwert von Unwertegemeinschaften am unteren Ende der Werteskala: ein oder gar null Punkte definieren sie.

Per definitionem handelt es sich ja bei den westlichen Werten der transatlantischen Wertegemeinschaft um Werte, über die man nicht mehr zu diskutieren braucht

Der Antipode zur westlichen Wertegemeinschaft lebt in der Regel auf der anderen Seite der Erde, irgendwo unterhalb der Wertegemeinschaft, im Süden also. Er ist im Extremfall – Terrorist. Gelegentlich, und zwar in seiner übelsten Ausformung (eben bei der Planung eines Anschlages auf die Wertegemeinschaft) lebt er mitten unter uns, möglicherweise geht er sogar auf eine Schule oder studiert an unseren Universitäten, teilt gar unseren Alltag. Allerdings bleiben ihm unsere Werte fremd, er versteht unsere zivilisatorischen Werte nicht. Der Terrorist, das wertfreie Wesen.

Die Werte, die Deutschland und Europa mit Nordamerika verbinden, so werden es unsere Politiker nicht müde zu sagen, die Freundschaft mit den Vereinigten Staaten, beruhen auf einem Wertefundament, auf Werten, die so selbstverständlich seien, dass man sie nicht mehr miteinander zu diskutieren brauche, so auch unsere Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, ein ums andere Mal. Oder Hillary Clinton, die US-Außenministerin: The values we share …

Welche sind nun aber die values, die wir sharen?

Die Frage ist falsch gestellt, ja provokativ: Per definitionem handelt es sich ja bei den westlichen Werten der transatlantischen Wertegemeinschaft um Werte, über die man nicht mehr zu diskutieren braucht, also um eine Art blindes Verständnis und Vertrauen. Daher möchte ich an dieser Stelle meinen Vortrag abbrechen und vorzeitig beenden …

Aber nein, dies wäre unfair. Denn Fairness ist ja irgendwie auch ein Wert, wenn auch keiner aus dem Kanon der westlichen Wertegemeinschaft.

Ein Wert ist ein Grundsatz, ein Ideal, (Lebens-)Prinzip, ein Leitbild, ein Maßstab, Wertmaßstab oder eine Wertvorstellung.

Ich werde mich daher mit dem gebührenden Respekt, ja der gebotenen Demut den Werten der Wertegemeinschaft nähern und dabei sozusagen lieber den indirekten Weg wählen – direktes Diskutieren, Konfrontation gar mit der Realität – nicht gut. Clash of values with reality? Absolut nein. Ich werde mich anpirschen, die Werte solange einkreisen, bis sie sich freiwillig … – aber nein, bitte recht sachlich!

Denn wie ernst unsere westlichen Werte gemeint sind und wie ernst es um die transatlantischen Werte steht, das rief uns der amerikanische Präsident Barack Obama zu, als er noch US-Senator war : „Wenn wir nicht bereit sind, einen Preis für unsere Werte zu zahlen und wenn wir nicht bereit sind, Opfer zu bringen, um unsere Werte zu verwirklichen, sollten wir uns die Frage stellen, ob wir überhaupt wirklich an diese Werte glauben.“

Einen Preis müssen wir also zahlen, aber welchen und in welcher Form? Opfer müssen wir bringen, aber welche? Um den Beweis zu erbringen, dass wir wahrhaftig glauben. Es wird rätselhafter statt klarer.

Auch Hans-Joachim Gauck, unser Bundespräsident, äußert sich kryptisch: „Sind wir zu vornehm und satt geworden, um für die Werte zu streiten, die für den Westen Deutschlands seit 60 Jahren selbstverständlich geworden sind?“, fragt er. Da man über die westlichen Werte jedoch nicht diskutieren muss, kann der Bundespräsident, ein bekennender Transatlantiker, mit „streiten“ also nur „kämpfen“ gemeint haben. Aber mit welchen Waffen soll gekämpft werden? Mit geistigen? Ein Wortgefecht wäre jedoch eine Diskussion – dachte er also eher an andere Waffen?

Sind westliche Werte ein Synonym für westliche Interessen, sind die Begriffe austauschbar?

Unsere Bundeskanzlerin erklärte im Mai dieses Jahres auf dem NATO-Gipfel: „Eine zentrale Botschaft unseres Treffens in Chicago ist für mich die Bekräftigung der transatlantischen Verbindung zwischen Europa und Nordamerika auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Interessen – und das in Zeiten völlig neuer Bedrohungen.“

Und am 3. Juli bei einer Veranstaltung der Atlantik-Brücke („60 Jahre transatlantische Freundschaft“), einer elitären transatlantischen Eliteschmiede, deren Leadership-Programm sie 2001/2002 durchlief: „Wir brauchen einander … Wenn wir unsere Werte und Interessen behaupten wollen, müssen wir gemeinsam daran arbeiten …“

Merkel forderte eine engere Partnerschaft der USA und Europas in der Wirtschaftspolitik und setzte sich für ein transatlantisches Freihandelsabkommen ein. Nur wenn Amerikaner und Europäer in der Globalisierung eng zusammenarbeiteten, könnten sie ihre gemeinsamen Werte und Interessen noch durchsetzen.

Hier glaubt man Angst und Bedrohung anklingen zu hören. Dreimal werden „Werte“ und „Interessen“ in einem Atemzug genannt – sind westliche Werte also quasi ein Synonym für westliche Interessen, sind die Begriffe austauschbar?

Dr. Arend Oetker, der langjährige Vorsitzende der exklusiven Berliner Atlantik-Brücke sagte einmal gegenüber der Berliner Zeitung: „Die USA werden von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben.“ Das sind klar formulierte Interessen, aber kaum Werte.

Amerikaner und Deutsche bzw. Europäer haben dieselben Werte und Interessen, so lautet der Glaubenssatz. Aber im Ernst: Schauen wir einmal auf die Landkarte: Wie ist es möglich, dass ein winziges, rohstoffarmes Land im Herzen Europas, umgeben von Nachbarstaaten – Deutschland – die gleichen Interessen wie die rohstoffreichen Flächenstaaten Nordamerikas haben kann? Das hochindustrialisierte Deutschland kann Rohstoff- und Energiebedarf bequem decken, indem es dort bleibt, wo es ist und schon immer war: in Eurasien, es muss dafür nicht über den Atlantik.

Aufgrund der zentralen Lage Deutschland in Europa ist ein starkes Interesse daran, mit dem größten eurasischen Flächenstaat, Russland, ein friedliches Auskommen zu haben, überlebenswichtig. Dies ist eine der wichtigen Lehren aus der Vergangenheit. Die Wertegemeinschaft jedoch ist zu einem neuen Kalten Krieg aufgebrochen …

Vielleicht haben wir aber wenigstens gemeinsame Werte, wenn schon die Interessen – naturgemäß – kaum deckungsgleich sein können?

Der große amerikanische Weltstratege, ehemalige Sicherheitsberater Jimmy Carters und Professor für amerikanische Außenpolitik an der John-Hopkins-University in Washington D. C. Zbigniew Brzezinski hat über die Interessen der Vereinigten Staaten einer Reihe nüchterner Bücher verfasst. Viel und konkret schrieb er über die geostrategischen Interessen der USA, wenig bis gar nichts über „Werte“. In seinem Buch „The Grand Chessboard“ (deutsche Auflage: Die einzige Weltmacht, 1998) sagt er:

„Für Amerika ist der geopolitische Hauptgewinn Eurasien … Jetzt hat eine nicht-eurasische Macht die Vorherrschaft in Eurasien – und Amerikas weltweite Vorherrschaft ist direkt abhängig davon, wie lang und wie effektiv es seine Vormachtstellung auf dem eurasischen Kontinent aufrechterhalten kann.“

Und: „Fortan müssen die Vereinigten Staaten festlegen, wie sie mit regionalen Koalition umgehen wollen, die danach trachten, Amerika aus Eurasien hinauszuwerfen und damit Amerikas Status als Weltmacht bedrohen.” Nüchtern, ernüchternd, Brzezinski.

„Freundschaft“ scheint ein wichtiges „Nebenprodukt“ der „values“ zu sein. Ist sie die Voraussetzung oder die Folge der gemeinsamen Werte?

Barack Obama sagte im Mai über die Rolle der NATO: „Mit keiner anderen Gruppe von Nationen haben wir eine solche Übereinstimmung der Werte, Fähigkeiten und Ziele. Die NATO ist ganz einfach das Fundament unserer transatlantischen Beziehungen, sie ist der Grundpfeiler der amerikanischen Verpflichtung gegenüber der Welt … Chicago ist der perfekte Platz, um die Allianz der demokratischen Nationen zu stärken, die ihre Wurzeln hat in der Freundschaft zwischen unseren Völkern und den Werten, die wir teilen, the values we share.“

„Freundschaft“ scheint ein wichtiges „Nebenprodukt“ der „values“ zu sein. Ist sie die Voraussetzung oder die Folge der gemeinsamen Werte? Es muss beides sein: Freundschaft ist sowohl die Voraussetzung dafür, der transatlantischen Wertegemeinschaft beizutreten als auch die Folge daraus, die Werte anerkannt zu haben, die dort geteilt werden.

„Freundschaft“ – ein bewegendes und rührendes Herzensphänomen, das der Freiheit zu wählen entspringt. Haben Deutsche und Europäer in diesem Sinne wirklich diese Wahlfreiheit, ihre Freunde ihren Neigungen entsprechend auszuwählen?

Der Historiker und langjährige ARD-Korrespondent Peter Bender sagt in seinem Buch „Weltmacht Amerika. Das Neue Rom” (2004):

„Weltmächte ohne Rivalen sind eine Klasse für sich. Sie akzeptieren niemanden als gleichberechtigt und sind schnell dabei, loyale Gefolgsleute als Freunde zu bezeichnen oder als amicus populi Romani. Sie kennen keinen Gegner mehr, nur Rebellen, Terroristen und Schurkenstaaten. Sie kämpfen nicht mehr, sie bestrafen nur noch. Sie führen keinen Krieg mehr, sondern befrieden nur noch. Sie sind ehrlich bestürzt, wenn Vasallen dabei versagen als Vasallen zu handeln.“

Vielleicht sollte man die Begriffe „Freundschaft“ und „Werte“ eher als Loyalitäts- oder Gefolgschaftsvokabeln, oder als Beziehungsgradmesser bezeichnen? Je öfter sie demnach innerhalb der transatlantischen Wertegemeinschaft genannt werden, desto loyaler bzw. ergebener wäre ein Land.

Was ist denn aber nun mit den „Werten“ genau gemeint? Frau Dr. Angela Merkel anlässlich der 60-Jahr-Feier der Atlantik-Brücke im Deutschen Historischen Museum am 3. Juli 2012: „Die Europäische Union und Nordamerika stehen auf einem gemeinsamen Wertefundament von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten … Deshalb noch einmal Dank an alle Mitglieder und Freunde der Atlantik-Brücke und der Wunsch: Machen Sie weiter, damit die transatlantische Partnerschaft und Freundschaft das bleiben können, was sie waren und was sie sind: unentbehrliche Garanten für Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag und weiter viel Tatkraft, viel Elan und viel Freude an der gemeinsamen Arbeit. Herzlichen Dank.“

„Wir haben bei aller Notwendigkeit zur Differenzierung weitgehend gleiche Werte und zahlreiche gemeinsame Wurzeln. Wir bekennen uns zur Freiheit und Gleichheit aller Menschen, zum Schutz der Menschenwürde, zur freiheitlichen Demokratie und zur friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationen.“ Worte unseres ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg am 8. Februar 2011 bei der Arthur Burns-Lecture der Atlantik Brücke.

„Die Werte der westlichen Welt, so wie Freiheit und das Recht auf unsere unantastbare Würde, wurden am 11. September angegriffen“, sagt John Snow, ehemaliger US-Finanzminister unter Präsident George W. Bush.

Werte, Interessen, Freundschaft – auch außereuropäische Länder werden in die Gemeinschaft einbezogen – z. B. der Nahoststaat Israel

Endlich mehr Klarheit, fassen wir zusammen: Die Werte der transatlantischen Wertegemeinschaft, das sind: Demokratie und Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Freiheit und Gleichheit aller Menschen, Sicherheit und Wohlstand, Schutz der Menschenwürde, das Recht auf unantastbare Würde. Das sind also die Werte, um die es geht!

Werte, Interessen, Freundschaft – auch außereuropäische Länder werden in die Gemeinschaft einbezogen – z. B. der Nahoststaat Israel:

Präsident Obama sagte gegenüber der einflussreichen AIPAC, dem American Israel Public Affairs Committee, am 21. Mai letzten Jahres „Amerikas Verpflichtung gegenüber Israels Sicherheit entspringt einem tieferen Ort – und der ist – die Werte, die wir teilen.“

„Israel ist sowohl ein Bündnispartner als auch ein Freund, weil beide Länder dieselben Werte teilen“, sagte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney am 16. Juni 2012 auf der Konferenz für Glauben und Freiheit in Washington.

„Wir haben nahe, unverbrüchliche Bindungen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel und zwischen dem amerikanischen und dem israelischen Volk. Wir teilen gemeinsame Werte und die Verpflichtung zu einer demokratischen Zukunft der Welt und wir haben uns beide auf die Zweistaatenlösung verpflichtet“, so unlängst Hillary Clinton.

Vor wenigen Tagen unterzeichnete Obama das Gesetz S. 2165 zur verstärkten Sicherheitskooperation zwischen den USA und Israel, die Zahlung von 70 Millionen Dollar an den Nahoststaat zum Ausbau von Iron Dome, der „Eisenkuppel“, dem israelischen Raketenabwehrsystem, als Extranachschlag zuzüglich zu den 3,2 Milliarden Dollar, die bereits gezahlt waren – mithin die größte Summe in der Geschichte der US-israelischen Wertegemeinschaft. Die Verpflichtung der USA sei unverbrüchlich, die Zusammenarbeit mit Israel auf einem beispiellosen Niveau, sie umfasse das ganzen Spektrum der Sicherheitstechnologie: Geheimdienst, Militär und Technologie.

AIPAC kommentierte die Verabschiedung des Gesetzes wie folgt: „Die Vereinigten Staaten profitieren ganz außerordentlich von der verstärkten Zusammenarbeit mit lsrael. Dieses beidseitige Abkommen empfiehlt neue Wege, die US-israelische Beziehung auf den Gebieten der Raketenabwehr, Heimatschutz, Energie, Geheimdienst und Cyber-Security wachsen zu lassen und zu stärken.“

Wie aber profitieren die USA von der größten Militärhilfe aller Zeiten an den Nahoststaat?

Israel wird dadurch, soviel steht fest, die Erstschlagmöglichkeit gegen den Iran und sein ungeliebtes Atomprogramm stark vergrößern. Wem aber kann ein iranisches Fukushima letztlich nützen? Werden die Lebensrechte der Israelis tatsächlich auf diese Weise gesichert? Oder nicht vielmehr aufs Spiel gesetzt?

Trotz offensichtlicher Gemeinsamkeiten mit den USA gelang es ihm bisher nicht, wieder zur westlichen Wertegemeinschaft hinzugerechnet zu werden

Dabei hatte der Iran so viele Ähnlichkeiten mit der westlichen Wertegemeinschaft:

Z. B. die 1951 völlig demokratisch gewählte Regierung des Dr. Mohammed Mossadegh, die von der CIA ein Jahr später in der Operation Ajax gestürzt wurde, weil sie einen Erdölkonzern verstaatlicht hatte. Was folgte, war die Diktatur des brutalen und korrupten Schah-Regimes, jedoch trotz allem Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft, das, in der Folge mit amerikanischer Wirtschafts- und Militärhilfe unterstützt, bis 1979 andauerte. Man muss annehmen, weil es gewisse Werte teilte, „Werte“ – hier eher im Sinne von Freundschaft bzw. Loyalität, versteht sich.

Die Ähnlichkeiten des derzeitigen Iran mit den Vereinigten Staaten gehen gar noch darüber hinaus: Während der Wähler in den USA die Freiheit hat, zwischen zwei Kandidaten auszuwählen, standen bei der letzten Wahl im Iran 2009 sogar 4 Bewerber zu Auswahl. In beiden Ländern gibt es allerdings eine Vorauswahl: Im Iran erfolgt diese durch den Wächterrat, in den USA durch Großbanken, welche die beiden Kandidaten mittels Spenden auswählen. Die Vorauswahl geht in den USA aber noch weiter dadurch, dass die Spendengelder von zurzeit ca. 1,3 Milliarden Dollar (!) ungleich verteilt sind:

Obama erhielt von Goldman Sachs, Credit Suisse, Morgan Stanley und anderen Wallstreet-Banken bislang 86 Millionen US-Dollar, sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney kam bisher nur auf 32,2 Millionen US-Dollar.

Beide Länder kennen die Todesstrafe, ja sogar die Hinrichtung von Behinderten und Minderjährigen. Auch einige Deutsche rotten in US-Gefängnissen ihrem Lebensende entgegen. So z. B. der deutsche Diplomatensohn Jens Söring, der 18-jährig mit einem Hochbegabtenstipendium versehen aus falsch verstandener Ritterlichkeit gegenüber seiner amerikanischen Freundin und im Vertrauen auf seinen Diplomatenpass ein falsches Geständnis ablegte und dafür seit 26 Jahren einsitzt. Neuere wissenschaftliche Beweise wie DNS-Tests wurden in seinem Fall nicht mehr berücksichtigt. Söring ist wie andere unschuldige Deutsche in US-Todeszellen zum Opfer der Wertegemeinschaft geworden.

Dabei ist dies völlig konsistent. Wir müssen Opfer bringen – das hörten wir bereits.

Zurück zum Iran: Trotz offensichtlicher Gemeinsamkeiten mit den USA gelang es ihm bisher nicht, wieder zur westlichen Wertegemeinschaft hinzugerechnet zu werden. Wahrscheinlich wegen der verbleibenden offensichtlichen Unterschiede:

Der Iran griff kein einziges Land in den vergangenen 1000 Jahren an, wurde jedoch unzählige Male im Laufe seiner Geschichte von Kriegen und Einmischungen in seine inneren Angelegenheiten heimgesucht. Die USA führten dagegen seit Ende des Zweiten Weltkrieges serienweise Militäroperationen und Kriege durch.

Daher, das ist offensichtlich, können beide Länder trotz auffälliger Gemeinsamkeiten, letztlich nicht derselben Wertegemeinschaft angehören. Gleichzeitig offenbart sich eine offensichtliche Inkonsistenz: Die westlichen Wertegemeinschaft verträgt es nicht, sie aus dem Olymp hehrer Wortblasen in die Realität des Hier und Jetzt zu versetzen. Das Resultat ist ein Clash der Werte mit der Realität.

Warum verbünden sich die USA mit dschihadistischen Glaubenskriegern, die offensichtlich nicht von westlichen Werten wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechten überzeugt sind?

Trotzdem möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen und mit der Dekonstruktion des Begriffes „Wertegemeinschaft“ noch etwas fortfahren:

„Die Werte der westlichen Welt, so wie Freiheit und das Recht auf unsere unantastbare Würde, wurden am 11. September angegriffen.“

Darf die Wertegemeinschaft den Angriff auf ihre unantastbare Würde durch 19 apokalyptische Reiter, mithin also Privatpersonen, die keine Völkerrechtssubjekte sind, mit dem Angriff auf einen Staat beantworten, in dem sich angeblich ein Mitverschwörer der Unwertegemeinschaft versteckt hielt, der aber gar kein Staatsbürger dieses Staates ist? Darf die Wertegemeinschaft, wenn sie in ihrer unantastbaren Würde angegriffen wurde mit einem Angriff auf die unantastbare Würde anderer reagieren? Darf sie reagieren schon bei einer Kränkung ihrer unantastbaren Würde oder gar ihrer Unantastbarkeit?

Warum verbünden sich die USA mit dschihadistischen Glaubenskriegern, die offensichtlich nicht von westlichen Werten wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechten überzeugt sind? Warum wurden säkulare Staaten wie das Afghanistan der 1980er-Jahre, als Mädchen in die Schule gehen mussten und Steinigungen verboten waren, nicht in die Wertegemeinschaft aufgenommen, sondern aus ihr mithilfe der eigens geförderten Mudschaheddin verstoßen?

Oder das säkulare Libyen, dessen Bevölkerung bis vor kurzem einen Lebensstandard ähnlich wie Polen und Portugal genoss: 2004 schien es in der Wertegemeinschaft aufgenommen worden zu sein: Der britische Premier Tony Blair war zu Gaddafi gereist und hatte, neben der Absicht zu Rüstungs- und Gasgeschäften, eine wichtige Botschaft mitgebracht: Die Einladung in die westliche Wertegemeinschaft, indem Gaddafi sich dem „Krieg gegen den Terror“ anschlösse.

Das Aufnahmezeremoniell gestaltete sich vielversprechend: „Beide Männer lächelten und schüttelten sich die Hände, dann ließen sie sich in niedrigen Stühlen in Gaddafis Wüstenzelt nieder. Es war mit Teppichen behangen, die Kamel- und Palmenmotive zeigten; draußen wanderte eine Karawane von Kamelen vorbei …“

Libyens Mitgliedschaft in der Wertegemeinschaft hielt, wie wir wissen, nicht einmal sieben Jahre: 2011 setzte ihr ein elfmonatiges NATO-Bombardement ein trauriges Ende.

An den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den säkularen Irak mit seinen hunderttausenden von Toten sei ebenfalls erinnert: Heute fallen uns zum Thema Irak nur noch nahezu tägliche Bombenanschläge und der Begriff „Irakisierung“ ein, d. h. das Abgleiten in Sektierertum und Fanatismus.

Seit langem leben in Syrien die drei großen Weltreligionen des Islam, des Judentums und des Christentums friedlich nebeneinander

Und ganz aktuell das säkulare Syrien: Warum wird das Land, welches das multiethnische und multireligiöse Ideal, das deutsche Politiker für unser Land so verzweifelt anstreben, seit langem erfolgreich lebt, stranguliert und terrorisiert? Syrien hat niemanden angegriffen noch bedroht. Gleichwohl pumpt der Westen über seine regionalen Partner und verschiedene Nichtregierungsorganisationen das Land mit hochmodernen Waffen und Kommunikationstechnologie voll, die CIA koordiniert und steuert erklärtermaßen die Einsätze, wie auch Hillary Clinton kürzlich bestätigte. Der Anspruch vom „friedlichen Zusammenarbeiten der Nationen“ gleitet in die Groteske ab.

Dabei ist Syrien ein Modell unserer Welt im Kleinformat, das globale Dorf sozusagen: Syrien ist das älteste Land der Welt, da es seit 7000 Jahren kontinuierlich bewohnt ist. Auch Europa hat dort über die griechische Antike und das Christentum wichtige Wurzeln. Die kulturelle Vielfalt und Fruchtbarkeit der Hauptstadt Damaskus inspirierte Künstler und Musiker weltweit. Die experimentierfreudige Musikszene wird mit dem San Francisco der 1960er Jahre verglichen.

Seit langem leben in Syrien die drei großen Weltreligionen des Islam, des Judentums und des Christentums friedlich nebeneinander: Drusen, Maroniten, Melkiten, Protestanten, die armenisch-apostolische, die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die griechisch-katholische, die chaldäische Kirche, nestorianische Christen, Sunniten, Alawiten und Schiiten, Juden, Ismailiten …

Dann die verschiedenen Ethnien der Araber, Kurden, Jesiden, überlebende Armenier der Massaker der Türken, vertriebene Tscherkessen aus dem Kaukasus, aus Palästina vertriebene Palästinenser, aus dem Irak geflüchtete Iraker, christliche Aramäer (welche die Sprache Jesus sprechen) und Assyrer.

Und obwohl all diese Ethnien und Religionen auch unsere kulturellen Wurzeln bedeuten, gehören sie nicht zur westlichen Wertegemeinschaft, ihrem Fortbestand wird kein Wert zugemessen, der Exodus hat bereits begonnen.

Mitglieder der westlichen Wertegemeinschaft sind dafür absolutistische islamisch-fundamentalistische Monarchien wie Saudi-Arabien, wo es selbstverständlich weder politische Parteien, noch Opposition oder Gewerkschaften gibt, die Todesstrafe durch Köpfen und Steinigung angewandt wird und Frauen grundsätzlich der männlichen Vormundschaft unterstehen, Saudi Arabien – im Übrigen das Herkunftsland von Top-Terroristen wie Ibn al-Chattab und Osama bin Laden.

Die streng sunnitisch-wahabitischen absolutistischen Emirate der Golfstaaten, wie z. B. Katar – alles Mitglieder der Wertegemeinschaft. Diese Staaten finanzierten wiederholt Kriege, so z. B. den ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran, ein blühendes Geschäft, das beide Seiten ausrüstete. Saudi-Arabien und Katar sind augenblicklich damit beschäftigt, einen weiteren Krieg der Wertegemeinschaft zu finanzieren – den gegen Syrien. Rüstung wird von dort finanziert, der NATO-Staat Türkei liefert Ausbildungs- und Rückzugsgebiete für die fanatisierten Glaubenskrieger.

Wie steht es um Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte der Opfer der Drohnenangriffe in Gaza, Afghanistan oder Pakistan, die weder eine Anklage zu sehen bekamen, noch sich verteidigen konnten, sondern sofort Folter bzw. der Todesstrafe unterzogen werden?

Nicht-Mitglied der Wertegemeinschaft zu seine kann unmittelbare Folgen haben: Guantánamo, Gaza, Hindukusch. Wie steht es um Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte der Eingepferchten, der Opfer der Drohnenangriffe in Gaza, Afghanistan oder Pakistan, die weder eine Anklage zu sehen bekamen, noch sich verteidigen konnten, sondern sofort Folter oder Todesstrafe unterzogen werden?

Wir können die Widersprüche auflösen mit einem „Kunstgriff“: Wenn wir definieren, dass all jene, denen Böses widerfuhr, eben nicht Mitglieder der westlichen Wertegemeinschaft waren. Wenn wir akzeptieren, dass Menschenrechte und Menschenwürde, ein Luxus an sich, eben nur in Ausnahmefällen, nur selektiv gelten. Wenn wir die aufgeklärte Idee von der Universalität der Menschenrechte aufgeben und akzeptieren, dass sie, wenn überhaupt, nur für Mitglieder der westlichen Wertegemeinschaft gilt.

Und: Die westliche Wertegemeinschaft ist nach allem zuallererst eine Definitionsgemeinschaft.

Letztlich ist jeder selbst dafür verantwortlich, wenn er nicht dieser Wertegemeinschaft angehört, oder etwa nicht?

Und für jene, welche dies noch nicht begriffen haben, steht demnächst eine besondere Art der Illumination bereit: die Laser-induzierte Plasma-Kanal-Kanone, ein unvorstellbar winziger aber umso präziser tödlich wirkender Lichtblitz.

 

LITERATUR