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Die Rückkehr der Hornbrille

Von MARTIN SCHIPPAN

Spaziert man durch deutsche Großstädte, wie etwa durch die Party-Metropole Berlin, und bewegt sich dabei in einschlägigen Vierteln, wie hier im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, fallen einem überdimensionale Brillengläser auf, die auf den Nasen von meist hageren und schlaksig wirkenden Zeitgenossen sitzen. Unabhängig, ob diese breit gerahmten Gestelle zur Gesichts- und Körperform passen, werden sie von modebewussten Szene-Gängern zur Schau gestellt. Zusammen mit Röhrenjeans, bedrucktem Stoffbeutel und Club-Mate gehört die Sehhilfe aus Horn, die auch aus Fensterglas bestehen kann, zum unverzichtbaren Accessoire von Menschen, die „dazu“ gehören. Durch sie sollen ihrer Träger, die im Szene- und Volksmund „Hipster“ geschimpft werden, wohl intelligenter wirken als die Besitzer eher dezenter Gestelle.

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Wie die Bezeichnung „Nerdbrille“ erahnen lässt, spielen ihre Benutzer auf das Klischee des „Strebers“ an, wie es vornehmlich durch Fernsehserien und -filme US-amerikanischer Provenienz vermittelt wird. Als Mischung aus Clown und überdurchschnittlich begabtem Freak gehört der „Nerd“, der sich mehr für Computer, Physik und Fantasy-Rollenspiele als für Frauen interessiert, zu den Stereotypen des Außenseiters in der Klasse. Es ist schon makaber, dass die modernen Starbucks- und Bionaden-Bohemien die Mode derer übernehmen, über die sie sich in der Schulzeit lustig gemacht haben. Doch die Nerdmode ist inzwischen ja „stylisch“ und „trendy“ geworden. Ihr hängen nicht mehr nur sozial isolierte Computer-Fanatiker an, sondern vor allem Theaterwissenschafts- und Psychologiestudenten, Medien- und Modedesigner und andere „angesagte“ Leute, die nun die Bad-Taste-Party ein ganzes Jahr lang zu kultivieren scheinen. Eine Gemeinsamkeit all dieser angehenden Sozialpädagogen, Kulturwissenschaftler und Eventmanager besteht darin, dass sie sich ihren kostspieligen Retrolook leisten können. Somit erweist sich die Hornbrille als Produkt einer Wohlstandsgesellschaft, die auf die Betonung einer angenommenen Individualität zielt. Denn das Freche daran beruht darauf, dass es das Alte mit dem Neuen, die Second-Hand-Lumpen mit dem urbanen Lifestyle, kombiniert.

Durch die Integration des „Spießigen“ in das ansonsten legere Auftreten soll die eigene Persönlichkeit stärker hervorgehoben werden

Die Zeitgenossen, die die Strickjacke aus dem Kleiderschrank ihrer Großmutter zur „feschen“ H&M-Mode kombinieren, lassen sich zeitgleich auf ihren Oberarmen tätowieren und verbringen wohl die größte Zeit ihres Lebens in „sozialen“ Netzwerken. Durch die Integration des „Spießigen“ in das ansonsten legere Auftreten soll die eigene Persönlichkeit stärker hervorgehoben werden. Mit rückwärtsgewandten Modeaccessoires kann man sich ja vom Mainstream absetzen. Inzwischen haben sogar vornehmlich junge Damen diese Mode für sich entdeckt. Es lässt sich als Ausdruck von Koketterie ansehen, wenn sich ansonsten betont weiblich gekleidete Frauen mit einem Brillenmodell schmücken, das nur prüden Sekretärinnen, strebsamen Germanistik-Studentinnen und anderen grauen Mäusen vorbehalten ist. Durch das Tragen eines solchen Gestells strahlt man eine gewisse Strenge, Belesenheit und zugleich einen Kontrollfimmel aus. Die Nerdbrille auf der Frauennase weckt aus rätselhaften Gründen so manche erotische Männerfantasie.

"Nerdbrille" heute und gestern: links Alexander Dobrindt, rechts Henry Kissinger anno 1975 (Quelle: Wikimedia Commons, Michael Lucan/pixeldost, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Doch die „Hipster“-Subkultur, für welche die Hornbrille das Markenzeichen darstellt, besitzt wiederum ihre eigene Tradition. In den 1950ern gab es vornehmlich in Amerika eine gleichnamige Jugend-Bewegung, die sich auch durch Extravaganz auszeichnete. Ihre Anhängerschaft hörte Jazz, trug in Clubs Sonnenbrillen und imitierte das Auftreten der schwarzen Bevölkerung, deren Stil als „hip“ galt. Ein Abglanz dieser Subkultur stellt die weit mehr bekannte Hippie-Bewegung dar, deren Vertreter in ihrer gammeligen Kluft damals als Außenseiter galten. Doch eine weitere Tradition der „Hipster“ stellt das jugendliche „Villenproletariat“ dar, das sich in den 1920er Jahren als Antwort auf das als „spießig“ empfundene Elternhaus rekrutierte. Diese Wohlstandsjugend, die häufig „links“ orientiert war, stellte die Avantgarde am Varieté-Theater, im Cabaret und in anderen künstlerischen Salons dar. Eine Gemeinsamkeit dieses Milieus zu der heutigen Hornbrillen-Fraktion stellt neben der Kultivierung des Dekadenten und des Androgynen die permanente Selbstinszenierung dar, die zum Individualitätswahn führt. Die Ironie dieser Modegeschichte besteht darin, dass der Nerd (und die ihm zugeschriebenen Attribute) vornehmlich ein Medienklischee darstellt. In Wirklichkeit prägte die Hornbrille das Gesicht des Kalten Krieges. Man mag nur an Erich Honecker, Herbert Wehner oder Henry Kissinger denken, um sich das breitrahmige Gestell vor Augen zu führen. Doch auch das Bild von linken Intellektuellen und Künstlern wie Bertolt Brecht, Jean Paul Sartre, Theodor W. Adorno oder auch Woody Allen bleibt ohne die Hornbrille unvorstellbar. In den 1950/60er-Jahren war der überdimensionale Rahmen noch nicht von dem Träger ästhetisch entfremdet. Damals passte die Brille noch zum grauen Anzug, zur biederen Parteitagsrede und im besten Fall zum Gauloise rauchenden Schriftsteller.

In Wirklichkeit prägte die Hornbrille das Gesicht des Kalten Krieges

Inzwischen beschränkt sich die Zahl derer, die eine „Nerdbrille“ tragen, nicht nur auf Heranwachsende zwischen 16 und 35, denen man so manche Geschmacksverirrung noch verzeihen kann. Generationsübergreifend wird sie von Leuten getragen, die meinen, im Trend zu sein, etwa von Politikern wie dem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt (Jg. 1970) oder Außenminister Guido Westerwelle (Jg. 1961), die ihre dezenten Sehhilfen gegen breit gerahmte Gestellte ausgetauscht haben. Selbst der konservative Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer (Jg. 1962) hat durch eine überdimensionale Hornbrille ironischerweise die Mode des „alternativen“ Milieus übernommen, mit dem er in seinem Bestseller Unter Linken abgerechnet hat. Wer sich in der Welt der Prominenten inszenieren will, trägt das Modell mit dem schwarzen Rahmen, denn das überdimensional großes Gestell fällt auf. Doch wie lange noch? Irgendwann wird auch die Retrowelle auslaufen und die Hornbrillen als „Jugendsünde“ in der Schublade verschwinden. Und was kommt dann? Das Monokel? Oder gar das Glasauge? Die Optiker freuen sich schon jetzt auf neue Kundschaft.